Mit Boot, Rad und Bus - der wohl mühsamste Schulweg der Welt

  21 September 2018    Gelesen: 402
Mit Boot, Rad und Bus - der wohl mühsamste Schulweg der Welt

Auf der indonesischen Insel Java überflutet das Meer ganze Ortschaften. Im Geisterdorf Senik lebt eine letzte Familie in ihrem umspülten Haus: Die Kinder brauchen länger zur Schule als Pendler von Berlin nach Hamburg.

 

Wenn sich die 14-jährige Qodriyah morgens um 5 Uhr mit ihrem kleinen Bruder Imron und ihrer Mutter Pasijah auf den Weg zur Schule macht, ist Pasijah schon seit zweieinhalb Stunden auf den Beinen. Nachdem sie das Mittagessen vorgekocht und die Wäsche gemacht hat, beginnt bei Sonnenaufgang die mühsame Anreise zur Schule.

 

Eine halbe Stunde lang paddelt Pasijah mit einem kleinen Boot zum Festland. Bei starkem Wind dauert es auch schon mal eine ganze Stunde. An Land bringen Mutter und Tochter zuerst den achtjährigen Imron zur Grundschule im Dorf. Anschließend folgt eine weitere Stunde auf dem Fahrrad zur Hauptstraße, wo Qodriyah den Bus nimmt, um zur Junior High School in der nächstgelegenen Stadt zu kommen.

Mehr als zwei Stunden dauert der Weg. Und egal wie das Wetter ist: Pasijah bringt ihre Kinder jeden Morgen zur Schule und holt sie am Nachmittag wieder ab. "Eigentlich würde ich gern alleine rudern und mit dem Fahrrad zur Schule fahren", erzählt Qodriyah, aber ihre Mutter erlaubt das nicht. Sie hat Angst, den Kindern könnte auf dem Schulweg etwas passieren.

Die letzten, die noch in dem verlassenen Dorf Senik ausharren

Bis vor ein paar Jahren konnte Qodriyah mit ihren Freundinnen allein zur Schule gehen. Das war in dem anderen Leben. Dem Leben, bevor die Flut kam. Damals ging es den Leuten gut in Senik. Wie viele andere in der Gegend hatte Rokani, der 61-jährige Familienvater, eine eigene Fischzucht. "Früher lebten hier etwa 300 Familien, es gab viele Felder und Bäume. Es war ein fruchtbares Land", sagt er.

Eines Tages stieg von der Küste her das Wasser an. Erst langsam, dann immer schneller. Die Bewohner von Senik wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Die meisten packten ihr Hab und Gut und flüchteten. Doch Rokani blieb mit seiner Familie. Denn für ein neues Haus woanders fehlt der Familie das Geld. "Ich versuche zu sparen, aber das Geld reicht nur fürs Essen und die Schulgebühren. Ich würde gern umziehen, aber ich kann nicht", sagt Pasijah.

Heute sind sie die letzten, die noch in dem verlassenen Dorf Senik ausharren. Sie haben Balken, Ziegel und Sand aus den verlassenen Häusern der Nachbarn verwendet, um ihr eigenes Haus höher zu setzen und zu schützen. Bei Flut steht der Fußboden trotzdem unter Wasser. Und das Wasser steigt immer weiter. Die Schule und die Häuser im Dorf Pandansari werden auch schon von den steigenden Fluten bedroht. Ihnen droht das gleiche Schicksal wie der Familie von Rokani und Pasijah, deren Dorf 2010 evakuiert wurde.

Mitverantwortlich für den steigenden Wasserpegel sind letztlich auch die Bewohner der Region selbst. Die Wälder und Mangroven wurden großflächig abgeholzt, Aquakulturen errichtet. Die Fischzucht versprach Wohlstand, doch die fehlende Vegetation ließ die Küsten erodieren und schließlich einbrechen.Obwohl das, was Rokani heute als Fischer verdient, kaum zum Leben reicht, besteht Pasijah auf den Schulbesuch der Kinder. "Ich habe zu meiner Tochter gesagt: Auch wenn deine Eltern dumm sind und nicht lesen können, musst du zur Schule gehen. Dann kannst du in Zukunft eine Arbeit als Angestellte finden."

Qodriyah möchte Ärztin werden, um Armen helfen zu können. Ihr kleiner Bruder träumt davon aufs Festland zu ziehen, um dort als Elektriker zu arbeiten. An den Wochenenden begleitet er oft seinen Vater, wenn dieser mit dem kleinen Motorboot aufs Wasser fährt, um mit Ausflugstouren etwas Geld dazu zu verdienen. Denn inzwischen interessieren sich Touristen für die im Meer versinkenden Dörfer.

Am nächsten Morgen sind Qodriyah und ihr kleiner Bruder mit einer japanischen Hilfsorganisation unterwegs, um im schlammigen Boden Sprösslinge von Mangrovenbäumen anzupflanzen. Sie sollen auf lange Sicht helfen, den Boden hier wieder zu stabilisieren. Für Rokanis Familie ist es allerdings zu spät.

spiegel


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