Genug Geld in der Kasse: Russland erwägt Verzicht auf Eurobonds-Emission

  16 Oktober 2018    Gelesen: 476
Genug Geld in der Kasse: Russland erwägt Verzicht auf Eurobonds-Emission

Russland könnte im kommenden Jahr auf die Emission von Eurobonds verzichten. Das russische Finanzministerium hält diese Maßnahme für unnötig. Wie Vizefinanzminister Sergej Stortschak sagte, zeigen die Erfahrungen der Schwellenländer, dass Moskaus Entscheidung, den inländischen Rubelmarkt zur Hauptquelle für Kreditgelder zu machen, richtig war.

Warum die russische Wirtschaft keine Kredite von außerhalb mehr braucht, erklärt Sputnik in diesem Beitrag.

Möglichkeiten sind vorhanden, aber es besteht keine Notwendigkeit

Im April des laufenden Jahres hatte das Finanzministerium neue Eurobonds mit einer Laufzeit von elf Jahren für 1,5 Milliarden Dollar sowie zusätzlich Schuldverschreibungen unter der Bezeichnung „Russland 2047“ für 2,5 Milliarden Dollar emittiert. 3,2 Milliarden Dollar von diesen Mitteln wurden für den Rückkauf der alten Eurobonds ausgegeben. 800 Millionen Dollar bekam der Staatshaushalt.

Damit hat das Finanzministerium jetzt die Möglichkeit für eine Eurobonds-Emission für weitere drei Milliarden Dollar: 800 Millionen für den Rückkauf der alten Bonds und 2,2 Milliarden Dollar für die Finanzierung des Haushalts. Aber zuvor hatte Stortschak zu verstehen gegeben, dass Russland in diesem Jahr nicht mehr auf den Außenmarkt gehen werde.

Geringe Kreditierung

Viele Experten verweisen darauf, dass es für Russland tatsächlich kaum Sinn habe, 2019 neue Eurobonds zu emittieren, weil es zu den Ländern gehöre, die die geringste Kreditlast in der Welt tragen.

Zwischen Januar und September sind Russlands Auslandsschulden um 51 Milliarden Dollar (9,8 Prozent) zurückgegangen und belaufen sich aktuell schätzungsweise auf 467 Milliarden Dollar.

Das ist mit der Größe seiner Gold- und Devisenreserven (fast 460 Milliarden Dollar) vergleichbar. Das bedeutet, dass Moskau seine Schulden jederzeit tilgen könnte. Mehr noch: Es baut seine Reserven ständig aus. Wie man unlängst in der Zentralbank erklärte, ist die Orientierungsmarke von 500 Milliarden Dollar nicht mehr relevant. Der Grund besteht in der Haushaltsregel: Sollten nach Angaben der Zentralbank mehr Reserven als für eine halbe Billion Dollar nötig sein, wären auch größere Mittel da.

Haushaltsüberschuss und hohe Ölpreise

Die Wirtschaft braucht auch deshalb keine neuen Kredite, weil der Haushalt kein Defizit hat: Das Finanzministerium hat genügend Mittel, um seine internationalen Verpflichtungen zu erfüllen.

„Der Haushalt hatte zwischen Januar und September einen Überschuss von 3.5 Prozent des BIP, obwohl 2017 in dieser Zeitspanne ein Defizit in Höhe von 0,5 Prozent des BIP bestanden hatte“, sagte der Analyst Andrej Kotschetkow von der Investitionsgesellschaft „Otkrytije Broker“.

Die positive Zahlungsbilanz lässt sich großenteils auf die inzwischen wieder hohen Ölpreise und auf den Rückgang des Imports zurückführen. Die Ölpreise werden wegen der schwierigen geopolitischen Situation wahrscheinlich weiter steigen.

„Saudi-Arabien wird es wohl nicht gelingen, das Wegfallen der iranischen Öllieferungen vollständig zu kompensieren, und deshalb werden die Ölpreise hoch bleiben“, zeigte sich Andrej Wernikow, der für Investitionsanalysen zuständige stellvertretende Generaldirektor des Investmenthauses „Zurich Capital Management“, überzeugt. Dementsprechend sei es nicht nötig, Kredite gegen Zinsen aufzunehmen, die nach Einschätzung des Finanzministeriums ungünstig seien, so der Branchenkenner.

Hohe Risiken

Die Experten sind sich einig: Wenn Gelder nicht nur vom Binnenmarkt, sondern auch vom internationalen Markt kommen, ist das natürlich gut, aber wegen der Sanktionsrisiken werden Kredite viel zu teuer.

„Es besteht für uns die Gefahr von Sanktionen, wobei auch ihre möglichen Formate unklar sind. Das ist ein Risiko für Investoren, und deshalb verlangen sie eine höhere Rendite“, so der unabhängige Finanz- bzw. Wirtschaftsexperte Anton Schabanow. „Deshalb ist es für uns nicht besonders günstig, Geld durch die Emission von Eurobonds zu beschaffen.“ 

Im Falle neuer Sanktionen gegen neue Emissionen russischer Staatsanleihen wäre es viel günstiger, den inneren Kreditmarkt zu entwickeln. Außerdem setzt das Federal Reserve System (US-Notenbank) auf die Erhöhung der Leitzinsen, was seinerseits bedeutet, dass die Rendite für US-Staatsanleihen steigen werden. Für die Entwicklungs- bzw. Schwellenländer wäre es unter solchen Bedingungen schwieriger, Geld auf dem internationalen Markt zu beschaffen.

„Es ist eine gute Strategie, auf den inneren Kreditmarkt zu setzen“, so Wernikow weiter. „Wenn man den Anteil der Staatsschulden in ausländischen Währungen nicht verringert, könnte man in eine schwierige Situation geraten, wie es bei der Ukraine und der Türkei der Fall war.“

Den russischen Binnenmarkt schätzen Analysten als ziemlich umfassend ein: Hier könne man mit Rentengeldern und mit Mitteln von Staatskonzernen rechnen. Darüber hinaus könnten auch die Einwohner des Landes Obligationen kaufen: Der Zentralbank zufolge belaufen sich die Bankeinlagen der Russen auf mehr als 26 Billionen Rubel (ein Euro kostet aktuell etwa 76 Rubel). „Man müsste nur eine effiziente Werbung für diese Instrumente machen, um die Bevölkerung darauf aufmerksam zu machen. Man müsste erklären, dass dies günstig und stabil – und damit eine gute Investition ist“, sagt der Experte Schabanow.

Klare Signale

Die Experten verweisen darauf, dass einige US-amerikanische Rentenfonds trotz Washingtons Drohungen gegen Moskau ihre Mittel nach wie vor in russische Staatsanleihen stecken. So ist und bleibt Kalifornien einer der größten ausländischen Halter dieser Obligationen. Deshalb wäre es falsch, zu sagen, der äußere Kreditmarkt wäre für Russland geschlossen – Moskau geht abhängig von der wirtschaftlichen Notwendigkeit vor.

Es besteht auch ein gewisses Risiko, dass einige Länder, unter anderem Russland, den globalen Schuldenmarkt verlassen könnten. Das würde für globale Investoren die Möglichkeiten für die Diversifizierung ihrer Einlagen einschränken und das globale Finanzsystem destabilisieren.

Manche Analysten vermuten, dass Moskau solche Gerüchte selbst in Umlauf setzt, um Washington verstehen zu geben, dass es sich beruhigen und aufhören sollte, den globalen Kapitalmarkt zu destabilisieren. „Das ist ein Signal an die ganze Weltgemeinschaft: Falls noch härtere Maßnahmen folgen sollten, würde Moskau bis ans Limit gehen“, sagte Sergej Koroljow (ALOR Broker). „Der Verzicht auf äußere Kredite wäre ein sehr kluger Schritt. Aber die Vorteile wären dabei eher politischer und nicht wirtschaftlicher Natur“, betonte er.

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