Vom Bittsteller zum Umworbenen

  20 Januar 2020    Gelesen: 352
Vom Bittsteller zum Umworbenen

Er wollte Deutschland nicht verlassen. Weil er an deutschen Unis aber keine Festanstellung fand, zog Thomas Schlich mit Anfang 40 nach Montreal. Wie geht es ihm heute, 17 Jahre später?

Er war Anfang 40, habilitiert und hoch qualifiziert – und hangelte sich von einer befristeten Stelle zur nächsten, bis er für seine Forschung keine Finanzierung mehr fand. "Ich hatte die Wahl: Ausland oder Ungewissheit", sagt Thomas Schlich.

In Marburg hatte er Medizin studiert, eineinhalb Jahre als Arzt gearbeitet und sich dann auf Medizingeschichte spezialisiert. Seine Bücher und Aufsätze handeln zum Beispiel davon, wie in verschiedenen Kulturen entschieden wurde und wird, ob ein hirntoter Mensch als tot gilt, seit wann welche Organe transplantiert werden oder wie sich die Chirurgie entwickelt hat.

In Kanada wurde Schlich vom Bittsteller zum Umworbenen. Die McGill-Universität in Montreal ließ ihn zum Vorstellungsgespräch einfliegen und bot ihm dann einen Job an, unbefristet und mit der Option, alle sieben Jahre ein einjähriges Sabbatical zu nehmen und an einer Universität seiner Wahl zu forschen, bei vollem Gehalt.

"Ich wollte eigentlich nicht aus Deutschland weg, aber ich dachte, ich mache das jetzt mal für drei bis fünf Jahre", sagt Schlich. An deutschen Universitäten fehlten Stellen für den akademischen Mittelbau. "Es werden entweder Nachwuchswissenschaftler gesucht oder Institutsleiter. Die Zeit dazwischen muss man überbrücken."
Aus der Überbrückung ist ein Abschied geworden. Schlich lebt mittlerweile seit mehr als 17 Jahren in Montreal, zweimal schon hat er das Forschungs-Sabbatical genutzt, war mit der Familie ein Jahr in Berlin und ein Jahr in Lausanne. Er ist mit einer Kanadierin verheiratet, Mitglied der kanadischen Wissenschaftsakademie Royal Society und er hat sogar die kanadische Staatsbürgerschaft.

Beim zur Einbürgerung gehörenden Festakt musste er die kanadische Nationalhymne singen und auf die Königin von Großbritannien schwören. "Ich habe lange mit diesem Schritt gezögert", sagt Schlich. Wichtig war für ihn, dass er dank einer Sonderregelung seinen deutschen Pass behalten darf.

Im Vergleich zu Kanada und den USA, wo Hochschulen versuchen, auch eine passende Stelle für den Ehepartner zu finden, haben es Akademiker-Paare in Europa schwer. Ein Jobangebot in der Schweiz lehnte Schlich kürzlich ab, weil es keine Berufsperspektive für seine Partnerin gab. Auch sie arbeitet an einer Hochschule, im Gesundheitswesen.

Der gemeinsame Sohn ist dreisprachig aufgewachsen, er spricht fließend Deutsch, Englisch und Französisch. "Viele können hier drei Sprachen", sagt Schlich. In Montreal sprechen die meisten Einwohner Französisch, an der McGill-Universität wird auf Englisch unterrichtet - und viele haben einen ausländischen Akzent. "Man merkt, dass Kanada ein Einwanderungsland ist", sagt Schlich.

Mit Kanadiern in Kontakt zu kommen, sei deshalb sehr leicht. Ihre ungeschriebenen Regeln des Alltags zu durchschauen, allerdings nicht. "Kanada ist ja kein exotisches Land, aber umso erstaunlicher finde ich es, wie anders das Leben trotzdem ist", sagt Schlich.

Ins Fettnäpfchen tritt zum Beispiel, wer bei einem Wohnungsbesuch die Schuhe anbehält oder statt Wein Blumen mitbringt. Oder eine Sauna ohne Badehose betritt. Oder an Silvester einen Böller zündet. Oder offen sagt, dass er etwas falsch findet.

Das Konzept des Nachmittagskaffees mit Kuchen sei den Kanadiern ebenso fremd wie Spaziergänge, sagt Schlich: "Niemand versteht, was ein Spaziergang sein soll. Ein Sport?"

Solche Unterschiede überhaupt wahrzunehmen, sei "ein Privileg der Marginalität", sagt er: Nur als Einwanderer werde man sich bewusst, welche kulturellen Feinheiten die Heimat ausmachten.

spiegel


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