FC Bayern rügt sich, Kohfeldt verlässt sich

  17 Februar 2020    Gelesen: 757
FC Bayern rügt sich, Kohfeldt verlässt sich

Der FC Bayern ist Tabellenführer der Fußball-Bundesliga und siegt locker, doch die Stimmung ist gedämpft. Derweil spricht man bei Borussia Mönchengladbach ungewohnt lautstark vom Meisterschaftskampf. In Bremen hat einer seine Linie verlassen - und ist damit verlassen.

1. FC Bayern ärgert sich über deutlichen Sieg

4:1 - der FC Bayern hat den 1. FC Köln standesgemäß abgefertigt. Die Münchner haben damit die Tabellenführung in der Fußball-Bundesliga zurückerobert. Alles gut also - oder? Nun, wie Sie bereits an dieser Suggestivfrage merken, ist nicht alles gut. Die Bayern sind nach dem Spiel alles andere als zufrieden. Torwart Manuel Neuer hatte für seinen eigenen Geschmack und den seiner Kollegen einen eindeutig zu arbeitsreichen Tag. So lobte etwa Doppeltorschütze Serge Gnabry: "Er hat zwei-, dreimal Weltklasse gehalten." Neuer selbst war der Meinung, dass seine Vorderleute es zu lässig angegangen seien und bis zu "zehn Tore" drin gewesen wären. Ähnlich sah es auch Thomas Müller, der dem "Kicker" sagte: "Es spricht natürlich nicht hundertprozentig für uns, dass Manuel Neuer noch zweimal super halten musste." Und ergänzte: "Wenn wir einen großen Vorsprung hatten, verstecken wir uns, machen es uns bequem."

Beim FC Bayern sind sie also einhellig unzufrieden. Das heißt nichts Gutes für die Konkurrenz. Denn wenn das Team von Trainer Hansi Flick kritisiert wird, zu "pomadig" gespielt zu haben, ist das ein Angriff, der einer Reaktion bedarf. Das wird niemand auf sich sitzen lassen wollen. Am kommenden Freitag eröffnet der FC Bayern den 23. Spieltag und empfängt den Tabellenletzten SC Paderborn (20.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de). Das Team von Steffen Baumgart hat noch sieben Punkte weniger als die Kölner - es ist zu erwarten, dass keiner hinzukommt. Und, dass Torhüter Leopold Zingerle einiges zu tun bekommen wird - während sich Neuer auf der anderen Seite einen entspannten Abend machen will. Das ist aber auch eine Warnung an die direkte Konkurrenz um die Meisterschaft - seht her, wir geben Platz eins nicht freiwillig auf.

2. Nur wer überhaupt will, kann auch Meister werden

Wäre Borussia Dortmund mit Marco Rose in der vergangenen Saison Deutscher Meister geworden? Mit dieser Idee verlassen wir natürlich die Ebene des Rationalen, aber der jüngste 4:1-Sieg, den Rose am Wochenende mit der anderen, der Mönchengladbacher Borussia, gegen Fortuna Düsseldorf eingefahren hat, lässt dieses Gedankenspiel zu. Und auch, wie der ehemalige Mainzer Bundesligaspieler das Thema Meisterschaft moderiert. Wir erinnern uns: In Dortmund redete man sich so lange ein, dass die Titelträume Quatsch seien, bis ein komfortabler Vorsprung auf den FC Bayern weg war. Als sie sich dann doch noch zum Titeljäger ausriefen, war das schon lange nicht mehr glaubwürdig und es war auch zu spät.

Rose selbst sagte nach dem Auswärtssieg in Düsseldorf dies: "Wir sind dran. Wir haben realisiert, dass es jetzt ans Eingemachte geht, dass die Saison sich der Endphase nähert und die Entscheidungen allmählich fallen. Darum ist es wichtig, dass wir zeigen: Wir wollen und wir sind dabei!" Mit dem Fohlen-Mantra "Wir wollen jedes Spiel gewinnen!" ist das eine selbstbewusste Ansage, hinter der sich das Team versammeln und Kräfte bündeln kann. Dazu gelang dem Trainer eben das, was Borussia Dortmund in der frühen Rückrunde der abgelaufenen Saison die entscheidenden Punkte - zum Beispiel gegen den Abstiegskandidaten Augsburg - kostete: Er fand die richtige taktische Idee, stellte zur Halbzeit sein System auf ein 4-3-3 um und knackte damit Fortuna Düsseldorf. Auch, weil seine Spieler dann konsequent im höchsten Tempo agierten, zu selten konnten Marcus Thuram und Co. gestellt werden. Und so behauptet sich Borussia Mönchengladbach munter im Kreise der Titelanwärter. Das darf man dann auch mal sagen. 

3. Arbeit und Konzentration sind die Basis von allem

Borussia Dortmund ist eine Mannschaft der Extreme: Offensiv liefern sich die Teenager Jadon Sancho und Erling Haaland in der Rückrunde ein erfrischendes Wettschießen. Sancho traf in fünf Spielen viermal, Haaland hat schon acht Tore auf dem Konto, auch beim 4:0 gegen Eintracht Frankfurt waren beide wieder erfolgreich. Niemand schoss in der Bundesliga vor seinem 20. Geburtstag mehr Tore als Sancho, niemand traf in seinen ersten Spielen so häufig wie Haaland. Viel bemerkenswerter war aber ein anderer Rekord, den der BVB des Jahres 2020 aufstellte: Nie ließ eine Dortmunder Bundesligaabwehr weniger Torschüsse des Gegners zu als den einen, der Eintracht Frankfurt gelang. Überraschend ist das, weil die schwarz-gelbe Defensive in den letzten Wochen nicht eben unter dem Verdacht stand, besonders effektiv zu verteidigen. Diesmal aber, pünktlich zum Champions-League-Hinspiel gegen Paris Saint-Germain (Dienstag, 21 Uhr im Liveticker bei ntv.de), gelang endlich mal eine zur Offensiv-Raserei passende Verteidigungsleistung: "Wenn wir alle zusammen so verteidigen, kann das hier ganz groß werden", schwärmte Neuzugang Emre Can, Abwehrchef Mats Hummels war etwas weniger euphorisch, aber dennoch optimistisch: "Mit dieser Konzentration, mit dieser Aktivität werden wir da eine sehr gute Chance haben", sagte Mats Hummels vor dem Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League gegen Paris St. Germain. "Auch PSG weiß, was es hier erwarten kann."

Es scheint, als habe man unter der Woche konzentriert an den Schwächen gearbeitet: "Es wird schon kommen", hatte Trainer Lucien Favre da gesagt, die einzige Lösung "ist Arbeit, Arbeit, Arbeit". Nun darf man aber nicht vergessen: Frankfurt ist nicht Frankreich, die Eintracht ist nicht PSG, Bas Dost nicht Kylian Mbappé. Arbeit und Konzentration sind aber immer eine gute Basis, auch für internationale Erfolge.

4. Wer seine Linie verlässt, muss die Linie verlassen

Man kann ihnen nun wahrlich nicht vorwerfen, dass sie es nicht bis zur letzten Sekunde versuchen: Beim SV Werder Bremen demonstrieren sie seit Wochen eine nahezu unverbrüchliche Treue zu ihrem Trainer Florian Kohfeldt, trotz nun acht Niederlagen in den letzten neun Bundesligaspielen - darunter unter anderem eine 0:5-Heimklatsche gegen den direkten Konkurrenten im Abstiegskampf Mainz 05 und eben die jüngste 0:3-Pleite gegen RB Leipzig - und teilweise grotesken Fehlleistungen der Mannschaft. Dass Kohfeldt ein ausgezeichneter Trainer ist, hat er in der vergangenen Saison bewiesen, als er Werder beinahe in die Europa League geführt hatte. Der 35-Jährige wurde in der Folge als heißer Kandidat für einige attraktive Positionen gehandelt - unter anderem bei Borussia Dortmund. Das Festhalten an ihm ist von Werder-Seite so ehrenvoll wie nachvollziehbar.

Doch Kohfeldt passiert seit Wochen das, was schon mehreren Vertretern einer neuen Generation von Trainern zum Verhängnis wurde: Er verließ im Misserfolg seine Linie. Das jüngste Beispiel ist der ehemalige Mainzer Sandro Schwarz, das prominenteste wohl der auf Schalke für die Vize-Meisterschaft gefeierte Domenico Tedesco. Sie und Kohfeldt eint, dass sie mit einem mutigen, dominanten, offensiven Stil angetreten waren, alle etablierten sich damit in der Liga, Kohfeldt und Tedesco wurden sogar lange gefeiert. In der ersten Krise aber, da verließ sie der Mut, die Ausrichtung wurde vorsichtiger, aus der Dominanz wurde Sorge um die Sicherheit. Bei Schwarz und Tedesco war dann irgendwann Schluss, nachdem sie sich von ihrer Linie entfernt hatten, wurden sie irgendwann ganz von der Linie entfernt und ersetzt. Ein Schicksal, das nun auch Kohfeldt droht, dem vielleicht begeisterndsten Vertreter der neuen Generation. Es wäre schade, aber logisch.

5. Weghorst spielt sich zum eigenen Erlöser auf

Zehn Tore hat Wout Weghorst in dieser Saison schon für seinen VfL Wolfsburg geschossen. Damit liegt der 27-Jährige auf Platz acht der Torjägerliste und befindet sich in illustrer Gesellschaft: Vor ihm BVB-Kapitän Marco Reus, hinter ihm der Münchner Serge Gnabry. Voll im Soll nach 22 Spieltagen also, sollte man meinen. Dass Weghorst so gut dasteht, hat er allerdings diesem einen Spiel gegen die TSG 1899 Hoffenheim zu verdanken. Beim 3:2-Sieg der Wolfsburger schoss er alle drei Tore. Die ersten beiden als Elfmeter, den dritten nach feiner Vorarbeit von Maximilian Arnold, der ihm den Ball etwa 20 Meter vor dem Tor durchsteckte. Er sicherte damit dem VfL den Sieg - und erlöste sich selbst.

Zuvor hatte Weghorst eine 562-minütige Tor-Durststrecke in der Bundesliga durchlebt. Umso erleichterter war er nach dem Sieg, der die Wolfsburger auf Platz neun in der Tabelle hochhievte. "Wenn man lange nicht trifft, nervt das natürlich. Jetzt ist das Gefühl super." Der Niederländer sicherte sich den Ball und ließ ihn sich von seinen Kollegen unterschreiben. So macht er es immer nach besonders torreichen Partien. Und dieser ist ein ganz besonderer, sein dritter Dreierpack: Als erster Wolfsburger Profi erzielte er in der Bundesliga drei davon (zuvor in der Vorsaison gegen Düsseldorf und Augsburg). Sein Fazit des Spiels: "Für dieses Gefühl spielt man Fußball." Gedämpft wird seine Euphorie nur von Jörg Schmadtke, der die Bedeutung nicht so richtig erkennen wollte: "Jeder hat seine Aufgabe im Kader", so der Sport-Geschäftsführer, "und Wout ist seiner Aufgabe, Tore zu schießen, nachgekommen." Nicht gemeckert ist offenbar genug gelobt.

6. Klinsmann ist doch noch irgendwie bei Hertha

Die Ausgangslage war für Hertha BSC nicht die Beste: Zwar ging es zum Schlusslicht nach Paderborn, aber Ordnung nach dieser Chaos-Woche? Jürgen Klinsmann hat mit seinem Rücktritt den Verein nicht zur Ruhe kommen lassen. Außerdem hatte der zum Interimstrainer beförderte Alexander Nouri keines seiner 21 vorangegangenen Liga-Spiele - mit dem FC Ingolstadt und Werder Bremen - gewonnen. Doch das Chaos hat die Mannschaft offenbar irgendwie motiviert - und dann konnte sich ja auch noch erstmals der brasilianische Neuzugang Matheus Cunha präsentieren, der seit seinem Wechsel aus Leipzig mit seiner Nationalmannschaft um die Olympia-Qualifikation gespielt (und gewonnen) hatte. Der 20-Jährige führte sich mit einem sehenswerten Hackentor perfekt ein und sicherte so seinem neuen Team den 2:1-Sieg.

Ein erfreulicher Einstand - nach seiner kuriosen Ankunft in Berlin. Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, wusste der Brasilianer nämlich gar nichts davon, dass Klinsmann bei der Hertha hingeworfen hatte. "Ich habe meinen Flieger in Brasilien genommen. Als ich hier angekommen bin, gab es dann eine neue Situation." Eine, die er offenbar schnell angenommen hat. Obwohl Klinsmann den Klub noch immer beschäftigt. Die Trainersuche läuft, der Posten im Aufsichtsrat muss neu besetzt werden - und der 55-Jährige meldet sich dann doch wieder zu Wort. Klinsmann habe "eine Whatsapp-Nachricht geschickt", sagte Nouri. "Er hat sich für die Mannschaft gefreut und Grüße ausrichten lassen." Nach der Abrechnung mit dem Kurzzeit-Trainer ist das sicherlich nicht bei allen im Klub gut angekommen.

Der FC Bayern führt auch nach dem 22. Spieltag die Tabelle der Fußball-Bundesliga an. Mit 46 Punkten beträgt der Vorsprung auf Verfolger RB Leipzig (45) allerdings nur einen Zähler. Nur weitere drei Punkte dahinter folgen die Borussias aus Dortmund und Mönchengladbach.

Quelle: ntv.de


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