Mit High-Tech gegen die Tigermücke

  05 Auqust 2020    Gelesen: 312
  Mit High-Tech gegen die Tigermücke

Stechmücken gelten als gefährlichste Tiere der Welt. Jedes Jahr sterben unzählige Menschen an von Mücken übertragenen Krankheiten. Mit High-Tech-Methoden versuchen Forscher, das zu verhindern. Dabei bekämpfen sie Mücken unter anderem mit - Mücken.

Stechmücken sind für die meisten von uns vor allem eines: ziemlich lästig. Manche Arten sind aber auch richtig gefährlich, denn sie können Krankheiten übertragen. Auf der ganzen Welt versuchen Forscher das zu verhindern, mit High Tech und unkonventionellen Methoden. Einer der anerkanntesten deutschen Experten in Sachen Stechmückenbekämpfung ist Norbert Becker, er war lange Zeit Chef der "Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage" (KABS) am Oberrhein. Die hat es nicht nur auf die Überschwemmungsmücken abgesehen, die im Flussgebiet leben. Auch die Asiatische Tigermücke hat sich in Süddeutschland angesiedelt. Und weil sie Krankheitserreger wie das Zika-, Dengue- oder Chikungunya-Virus übertragen kann, wird sie mit einer besonderen Methode bekämpft.

Steril durch Gammastrahlung

"Wir nutzen dafür die sogenannte SIT-Methode, das steht für Sterile-Insekten-Technik. Wir züchten männliche Tigermücken im Labor und sterilisieren sie mit Gammastrahlung. Die Bestrahlung ist so eingestellt, dass sie nur die Spermien schädigt, aber nicht die Körperzellen. Die Männchen können weiterhin fliegen und haben auch noch Lust auf Sex, erklärt Becker im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Dass sie zeugungsunfähig sind, merken weder die sterilisierten Männchen noch die wilden Weibchen, mit denen sie sich in der Natur paaren - ein gewitzter Sabotage-Akt, der in den Einsatzgebieten, etwa in Ludwigshafen oder in Freiburg, die Tigermücken-Populationen erkennbar reduziert: "Wir setzen jede Woche pro Hektar 1.000 bis 1.500 dieser sterilen Männlein aus, meistens in den späten Nachmittagsstunden", erklärt Becker. "Die suchen dann die Wildweibchen und paaren sich mit ihnen. Aus den Eiern entwickeln sich anschließend keine Embryonen. So können wir mehr als 70 Prozent der Population reduzieren - das funktioniert also sehr gut."

Das hat auch mit dem Sexleben der Mücken zu tun. Sie paaren sich nämlich nur einmal im Leben, bevor sie das erste Mal Eier legen. Die Spermien der Männchen lagern die Weibchen dann in sogenannten Samentaschen, erklärt Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg. Für den Rest ihres Lebens greifen sie dann darauf zurück, wenn sie neue Eier ablegen wollen. "Bei optimalen Bedingungen lebt eine einzelne Mücke vier bis sechs Wochen", sagt Werner. "In dieser Zeit kann sie vier- bis fünfmal Eier ablegen, jedes Mal bis zu 300 Stück." Eine einzelne Mücke kann also schnell über tausend Nachkommen produzieren, die sich ebenfalls alle fortpflanzen. So entsteht ein exponentielles Wachstum, das sich schnell zu einer regelrechten Plage ausweiten kann - wenn man nicht gegensteuert, etwa mit sabotierten Männchen.

Bakterien machen unfruchtbar

Für die Bestrahlungsmethode arbeitet die KABS mit Spezialisten aus Bologna in Italien zusammen, hier werden die in Süddeutschland gefangenen Mücken gezüchtet und bestrahlt und anschließend wieder an den Oberrhein zurückgebracht, um sie dort auszusetzen. Woanders setzt man nicht auf Strahlung, sondern auf Bakterien. Männliche Mücken werden im Labor mit sogenannten Wolbachien infiziert. Die kommen in vielen Insektenarten vor und machen den meisten der Tiere nichts aus.

Seit ein paar Jahren gelten Wolbachia-Bakterien aber als eine Art Wunderwaffe gegen Stechmücken, die Krankheitserreger übertragen. US-Forscher haben herausgefunden, dass man männliche Mücken mit Wolbachien unfruchtbar machen kann. Weibchen, die das Bakterium in sich tragen, können sich zwar fortpflanzen, aber die gefährlichen Viren vermehren sich in ihnen nicht. Wolbachia-Mücken werden etwa in Australien, Südostasien, Südamerika oder Mexiko bereits eingesetzt, unter anderem koordiniert durch das World Mosquito Program. In Deutschland sei die Forschung dafür noch nicht weit genug, es fehle an Ressourcen, sagt Norbert Becker.

Im Kampf gegen die Tigermücke setzen die Experten aber nicht nur auf Labor-Sabotage, sondern auch auf das Mittel BTI, einen Eiweißstoff, der gezielt Mückenlarven abtötet. Naturschützer kritisieren, dass der großflächige BTI-Einsatz in der Natur auch andere Arten schädigt, die als wichtige Nahrung für andere Tiere gelten. Beim gezielten Einsatz gegen Tigermücken in den Städten ist das Mittel aber erste Wahl.

Eiweißtabletten gegen Larven

Die Bekämpfer müssen aber wissen, wo die einst invasive Art, die sich in manchen Teilen Deutschlands inzwischen etabliert hat, überhaupt umherschwirrt. Deshalb hat Doreen Werner den Mückenatlas ins Leben gerufen. Da kann jeder mitmachen und gefangene Mücken einsenden. Ist eine Tigermücke dabei, rücken die Experten aus und gehen auf Spurensuche. Fündig werden sie vor allem auf Friedhöfen - die bieten das perfekte Lebensumfeld für die Tigermücken. "Da gibt es Brutstätten, also die zahlreichen künstlichen Wassergefäße, in denen die Mücken ihre Eier ablegen können", erklärt Doreen Werner. "Wir haben Pflanzen und Blumen, die Nektar oder Pflanzensaft spenden. Wir haben Schattenplätze - und natürlich die potenziellen Blutwirte: Kleinsäuger, Vögel, Fledermäuse."

Der Kampf gegen die Mücken ist eine Sisyphus-Arbeit, die viel Einsatz und Energie erfordert. Gewonnen werden kann der Kampf nur, wenn auch alle Bürger in den Risikogebieten mithelfen, etwa indem sie potenzielle Brutplätze beseitigen, erklärt Becker. "Wir gehen von Haus zu Haus, verteilen Infoflyer und BTI-Tabletten. Mit speziellen Fallen gucken wir dann, in welchen Gebieten es noch viele Mücken gibt. Da setzen wir dann die sterilisierten Mücken ein."

Aber warum stecken die Forscher überhaupt so viel Energie in die Bekämpfung der Asiatischen Tigermücke? Schließlich ist sie nur eine von rund 50 Stechmückenarten, die in Deutschland leben. Aber sie ist besonders gut auf das urbane Leben angepasst, brütet selbst in kleinsten Wasserpfützen, sticht aggressiv und ausdauernd, auch tagsüber - und sie gilt als eine der gefährlichsten Mücken der Welt, weil sie Krankheitserreger wie das Dengue-, Zika- oder Chikungunya-Virus überträgt. Dafür braucht sie zwar auch einen Wirt, der das Virus in sich trägt. Aber weil diese Tropenkrankheiten auch in Europa immer häufiger auftreten, steigt hierzulande das Risiko, dass eine Tigermücke zum Überträger wird.

Nächster Schritt Gentechnik?

Der Mückenatlas zeigt, dass sich die Asiatische Tigermücke bisher vor allem in Südwestdeutschland angesiedelt hat - das muss aber nicht so bleiben, betont Doreen Werner. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie sich weiter ausbreitet. Problematisch könnte aber auch eine andere Mückenart werden, die in Deutschland überall Zuhause ist - die gemeine Hausmücke. Die gilt als potenzieller Überträger des West-Nil-Fiebers, einer weiteren Tropenkrankheit, von der es erste Fälle inzwischen auch in Deutschland gab. Ob man die Hausmücke ähnlich wie die Tigermücke in Schach halten kann, versuchen Becker und seine Kollegen aktuell zu erforschen. Er hofft, dass wir auch in Deutschland bald mit Wolbachia-Bakterien arbeiten können. Und er denkt schon einen Schritt weiter: In Brasilien, sagt er, arbeite man bereits mit Gentechnik - die Forscher schleusen manipulierte Gene in Mückenpopulationen ein, um sie zu eliminieren.

Alle Folgen von "Wieder was gelernt" finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum lohnt es sich, deutschen Gangsta-Rappern zuzuhören? Werden Reiche bald zu gottgleichen Supermenschen? Warum tobt in den Niederlanden ein Drogenkrieg? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de


Tags: