Was Christen von Muslimen lernen können

  23 November 2020    Gelesen: 213
  Was Christen von Muslimen lernen können

Die muslimische Theologin Nimet Seker erzählt, wie sie den islamischen Fastenmonat Ramadan während der Pandemie erlebt hat – und welche Tipps sie aus dieser Zeit für das kommende Weihnachtsfest hat.

SPIEGEL: Viele Leute fürchten, dass der Shutdown auch an Weihnachten gelten könnte – so wie es während des islamischen Fastenmonats Ramadan und dem anschließenden Zuckerfest im Mai der Fall war. Damals waren sogar die Moscheen geschlossen. Was hat Ihnen in dieser Zeit am meisten gefehlt?

Nimet Seker: Am meisten habe ich es vermisst, mit Familie und Freunden gemeinsam das Fasten zu brechen, mit vielen Leuten zusammen zu essen und andere zu uns nach Hause zum Essen einzuladen. Für mich persönlich war der Ramadan schon immer eine Zeit, deren Spiritualität ich im engeren Kreis gelebt und erlebt habe und weniger in der Moschee. Das ist aber für viele Muslim*innen ganz anders. Viele versammeln sich nach dem täglichen Fastenbrechen, dem Iftar, zum gemeinsamen Gebet in der Moschee und sind auch im Ramadan besonders in die Aktivitäten der lokalen Moschee eingebunden, etwa wenn es darum geht, große öffentliche Iftar-Essen zu organisieren, bei denen jede*r eingeladen ist, mit am Tisch zu sitzen.

SPIEGEL: Die Pandemie hat in vielen Bereichen zu einem Digitalisierungsschub geführt. Nehmen Sie das auch für das religiöse Leben so wahr?

Seker: Für die jüngere Generation würde ich das bejahen. Das ist aber ein Trend, der sich schon vor der Pandemie abgezeichnet hat. Es gibt im Internet schon seit längerem auch viele religiöse und spirituelle Angebote. Sei es, dass man den Channels bestimmter Prediger folgt, religiöse Webinare besucht oder online einen Kurs zur Koranlektüre absolviert. Sicherlich hat im Ramadan die digitale Kommunikation zugenommen, da man sich ja persönlich weniger oder gar nicht mehr getroffen hat.

SPIEGEL: Haben Sie sich während des Ramadans denn selbst auch Online-Predigten angehört? Oder sich gemeinsam mit Freunden oder Verwandten virtuell zum Fastenbrechen über Zoom oder Skype getroffen?

Seker: Online-Predigten weniger, weil die meisten Angebote immer noch oft nur in türkischer oder arabischer Sprache sind und leider oft thematisch wenig Bezug zu unserer Lebensrealität in Deutschland haben. Aber auch ich habe mich in Online-Streams mit Freunden und Verwandten zum Fastenbrechen getroffen, um zumindest ein Stück weit soziale Nähe zu erzeugen.

»Man kann viele kreative Lösungen finden«
SPIEGEL: Und hat das funktioniert? Ist das etwas, was sie für den Advent empfehlen können? Neben dem Bratapfel oder den Weihnachtsplätzchen das Tablet aufstellen, um Oma mit dazuzuschalten.

Seker: Warum denn nicht. Natürlich wird es dieses Jahr ein komplett anderes Weihnachtsfest sein, wie es auch bei uns Muslimen ein ungewöhnlicher Ramadan war. Aber gerade die jungen Menschen sollten in dieser Zeit darauf achten, für die älteren Menschen da zu sein, auch wenn es nur ein Weihnachtssingen oder Weihnachtsessen über Zoom ist. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, den Älteren zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Mit den technischen Möglichkeiten, die wir heute haben, kann man viele kreative Lösungen finden, um die Einsamkeit zu mildern. Man kann auch online zusammen ein Fernsehprogramm schauen und nebenbei gemeinsam kommentieren, so als würde man zusammen sitzen.

SPIEGEL: Gab es spezielle Angebote der Moscheen, um die Härten der Pandemie für die Älteren während des Ramadans abzufedern?

Seker: Online-Angebote wir Predigten und Koranrezitationen waren vor allem für die älteren Gemeindemitglieder von großer Bedeutung, weil zumindest im virtuellen Raum die üblichen Angebote, die es im Monat Ramadan ansonsten in den Gemeinden gibt, aufgefangen werden konnten. Einige Moscheen haben Live-Streams im Internet gesendet. Das hat die soziale Distanz, unter der zumindest die Älteren häufig leiden, etwas gemildert, auch wenn es natürlich die Wärme und Geborgenheit nicht vollständig ersetzen konnte.

SPIEGEL: Konnten Sie den Feiertagen während der Pandemie auch etwas Positives abgewinnen?

Seker: Ja, viele Muslim*innen haben den Ramadan dieses Jahr viel eher genossen, die spirituellen Aspekte bewusster wahrgenommen und praktiziert. Dadurch, dass man auf sich selbst zurückgeworfen war, und weniger Interaktion mit den Menschen draußen hatte, konnte man sich zum Beispiel besser auf die tägliche Koranlektüre konzentrieren. Im Monat Ramadan wurde der Koran herabgesandt, wir nehmen den Fastenmonat daher zum Anlass, uns an die Offenbarung zu erinnern und lesen den Koran in dieser Zeit intensiver. Das Fasten schärft ja unheimlich die Sinne, und so hat man auch den Ablauf des Tages viel intensiver wahrgenommen. Es werden einem auch Dinge bewusst, die man im normalen Alltag gar nicht mehr wahrnimmt, etwa wie viel Zeit man normalerweise mit der Zubereitung und Aufnahme von Essen verbringt und – für mich auch ein wichtiges Thema – wie viel Müll dabei entsteht. Das sind Dinge, die einem jedes Jahr im Ramadan bewusst werden, aber in der Pandemie habe ich sie dieses Jahr noch stärker erlebt. Dafür bin ich sehr dankbar.

SPIEGEL: Weihnachten ist für viele mittlerweile eher ein Konsumfest als eine religiöse Veranstaltung. Ist das auch ein Thema unter Musliminnen und Muslimen, wenn es um Ramadan und das Zuckerfest geht?

Seker: Absolut. In meiner Generation hat der Konsum im Ramadan, insbesondere während des Fests zum Fastenbrechen, definitiv zugenommen. Das hängt mit dem steigenden Wohlstand zusammen. Schon vor dem großen Fest gibt es ja täglich Anlässe während des Ramadans viel und auch zu viel zu essen. Das ist vielleicht auch eine Parallele zu der Weihnachtsvöllerei an den christlichen Feiertagen. Aber der Sinn des Fastenmonats besteht ja genau im Gegenteil. Es geht um das Bewusstsein und für die Dankbarkeit für die Gaben, mit denen wir gesegnet sind. In meinem Umfeld nehme ich das recht balanciert wahr, der spirituelle Aspekt überwiegt eindeutig.

SPIEGEL: Haben Sie einen Tipp für Christen, wie auch Weihnachten trotz der Pandemie zu einem schönen und spirituellen Fest werden kann?

Seker: Die Pandemie-Beschränkungen führen ja dazu, dass auch Ruhe einkehrt im Leben. Viele sind von Weihnachten total gestresst, weil es mit aufwendigen Vorbereitungen und Reisen quer durchs Land verbunden ist. Vielleicht kann man dieses Jahr einfach ein paar ruhige Tage zu Hause genießen. Ein »stilles« Weihnachtsfest wünschen sich ja viele Menschen.

spiegel


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