Lucid Air Grand Touring - alles, nur nicht Mainstream

  18 Februar 2024    Gelesen: 318
  Lucid Air Grand Touring - alles, nur nicht Mainstream

Der Lucid Air richtet sich als ausgefallen designter Tourer mit vier Türen und irrwitzigen Leistungswerten an Kunden, denen Mercedes, Porsche oder Tesla zu langweilig geworden ist. Geht die Rechnung für die US-amerikanische Marke auf?

Sorry, liebe Leserschaft, da habe ich natürlich noch Audi und BMW unterschlagen. Und Lotus sowie Polestar - auch Marken, die bald mit verrückten Power-Limousinen auf den Markt rücken. Aber nein, passt irgendwie auch nicht richtig. Lucid will mit dem Air mehr als all diese Marken mit ihren Limousinen. Lucid möchte das Extrem, Lucid will schocken, und das schon früh. Mit vierstelligen PS-Werten. So gab es mit der Dream-Edition kurzzeitig 1126 PS und der künftige Sapphire bietet gar 1251 PS.

Eine Kampfansage an Tesla (Stichwort Plaid) und Porsche? Schließlich haben auch die Zuffenhausener mächtig aufgerüstet und sind darüber hinaus noch dabei. Kann sein, aber ntv.de muss sich ohnehin erst einmal mit dem Grand Touring zufriedengeben, der mit "nur" 830 PS deutlich dreistellig ist. Der Sapphire ist schließlich noch im Zulauf.

Das sollte jetzt nicht despektierlich klingen. Diese Leistungsinflation bei elektrisch angetriebenen Highend-Autos ist sowieso ein bisschen grenzwertig, aber das ist wieder ein anderes Thema. Bevor jetzt allerdings der Antrieb dieses Lucid Air verbal auseinandergenommen wird - erst einmal einsteigen bitte.

Was den Passagier im Innenraum erwartet ist, ist interessant. Ziemlich interessant. Da haben die Architekten ein großes Display mit Glasabdeckung schwebend hinter dem Lenkrad platziert mit fast schon künstlerischem Anspruch. Da gibt es betont geschmeidige, durchaus üppige Lederfauteuils und es duftet angenehm nach Naturmaterialien. So jedenfalls der olfaktorische Eindruck.

Apropos: Feine Holzeinlagen findet das Auge ebenso vor. Man kann schon einigermaßen sicher sagen, dass es kein oder zumindest kaum ein US-amerikanisches Automodell gibt, dessen Interieur sich besser verarbeitet präsentiert. Selbst Cadillac und Lincoln tun sich schwer bei diesem Level. Nicht nur, dass die Materialien wertig wirken; sämtliche Fugen scheinen passgenau. Sogar die Art und Weise, wie sich das Öffnen des Deckels für das mittlere Ablagefach anfühlt, fühlt sich solide an.

Natürlich spielt auch die Auswahl der Oberflächentextilien eine Rolle. Die Lucid-Architekten bevorzugten einen schönen Mix aus verschiedenen Stoffen. Für den unteren Teil der Armaturen kommt etwas zum Einsatz, das optisch an Fleece erinnert, während oben etwas Alcantara-ähnliches als Augen- und Handschmeichler dient. Das Ganze garnieren die Kreativen dann auch noch mit einer schicken Doppelnaht. Sauber! Nicht weniger beeindruckend ist das rötlich getönte, durchgehende Glasdach, durch das insbesondere die Fondpassagiere freie Sicht in Richtung Himmel hat. Auch außen setzt das Lucid-Air-Dach Akzente mit seiner kuppelartigen Optik.

Lucid hat den Preis gesenkt

Andererseits: Für den Grand Air Touring - entspricht der hier besprochenen Konfiguration - ruft Lucid mindestens 129.000 Euro auf (Tesla verlangt für sein ähnlich motorisiertes Model S unter 100.000 Euro). Da hat wohl eine Preissenkung stattgefunden bei Lucid, früher wies die Website 159.000 Euro aus. Das ist aber immer noch ein Kurs, für den man nicht nur exzellente Verarbeitung erwartet, sondern auch beste Performance im Bereich Antrieb. Und hier klotzt Lucid zumindest auf dem Papier, so bietet er beispielsweise ein 900-Volt-Bordnetz, was aktuell so ziemlich einzigartig ist im Consumer-Bereich.

Anderseits erweist sich die Limousine damit als Papiertiger. ntv.de hat viele Ladetests bei warmem Akku sowie an verschiedenen Ladesäulen durchgeführt und kam nie über 150 Kilowatt Ladeleistung hinaus. Das ist angesichts der versprochenen Leistung inakzeptabel. Schließlich sollten im Peak mindestens 300 Kilowatt erreicht werden. Und so wird das auch nichts mit den angegebenen 16 Minuten, die reichen sollen, um den Air auf 400 Kilometer Reichweite zu bringen - manuelle Möglichkeit der Akku-Vorkonditionierung hin oder her. Ein kleiner Trost ist natürlich die große Batterie (113 kWh), sodass der Lucid auf eine WLTP-Reichweite von mindestens 783 Kilometern kommt.

Ein weiterer Vorteil ist der geräumige Innenraum des 4,98 Meter langen Luxusliners. Für gutes Packaging der Ingenieure spricht der 2,96 Meter lange Radstand, was sich für Hinterbänkler in Form vorzüglicher Beinfreiheit auszahlt. Dazu kommt eine einigermaßen komfortable Abstimmung der Luftfederung - so gesehen macht der Grand Touring seinem Namen alle Ehre.

Muss man jetzt noch ein Wort über die Fahrleistungen verlieren? Angesichts 831 Pferdchen sowie 1200 Newtonmetern Drehmoment bleibt nur zu hoffen, dass die Pneus trotz Allradantriebs genug Grip aufbauen (3,2 Sekunden bis 100 km/h und 270 Sachen Topspeed). Tun sie, selbst mit Winterbereifung. Bevor man sich aber den ultimativen Kick ins Kreuz geben lassen kann, muss auf dem Touchscreen in der Mittelkonsole erst noch die volle Leistung freigegeben werden. Nach jedem Neustart legt die Elektronik jedoch wieder die Zügel an. Zum Glück sich auf dem Monitor mit dem intuitiven Menü die Spurvibration schnell eliminieren. Dass auch diese nach dem Neustart wieder ihr Unwesen treibt, ist behördlich vorgegeben.

Der Grand Touring schiebt wuchtig

Aber jetzt. Leere Straße, hinreichend voller Akku. Da muss Volllast her, die Power verlockt zu stark, zugegeben. Und wenig überraschend schiebt der 2,4 Tonnen schwere Grand Touring derart wuchtig, dass es den Passagieren durch den Magen fährt. Ob er im oberen Geschwindigkeitsbereich stark abbaut und an Leistung einbüßt nach mehrmaliger kräftiger Beschleunigung, lässt sich an dieser Stelle nicht zweifelsfrei sagen. Meistens passiert das mit batterieelektrischen Fahrzeugen gerne im oberen Geschwindigkeitsbereich. Winterreifen, schlechte Witterung und viel Verkehr haben dazu geführt, einen solchen Test auf den Sommer vertagen zu müssen.

Übrigens sollten die Akustiker bitte noch einmal Hand an den Lucid Air legen. Denn auch wenn Elektromaschinen keine Verbrenner sind, so haben sie doch eine gewisse Klangfarbe. Und gerade im höherwertigen BEV-Bereich sind die Fahrzeuge oft recht entkoppelt und klingen eher dunkel. Der Lucid hingegen gibt eher höherfrequente Töne von sich, die für das Segment irgendwie einen Tick zu banal anmuten. Das geht definitiv gediegener.

Am Schluss noch der Hinweis, dass der Kunde bei Lucid jede Menge Sensorik bekommt für den Preis. So sind nicht nur Kameras an Bord, sondern auch LiDar-Technologie, die das assistierte Fahren sicherer macht. Nichtsdestotrotz besteht der größte Spaß darin, den Lucid Air selbst zu pilotieren. Ob er seinen Wettbewerbern wie Porsche, Tesla und Co. ihre Positionen in Europa streitig macht, muss man abwarten.

In Deutschland fristet er ein Exotendasein, wie man beim Blick auf die Zulassungen feststellen kann: Etwas über 100 Exemplare fahren hierzulande herum. Tesla Model S und Porsche Taycan dagegen wurden bereits zigtausendfach ausgeliefert. Anderseits ist Lucid erst seit vergleichsweise kurzer Zeit dabei. Und eine erfrischende Alternative ist der Air in jedem Fall.

Quelle: ntv.de


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