Ein Tag in Baku

  28 November 2015    Gelesen: 875
Ein Tag in Baku
Auf dem Landweg in den Kaukasus - Nach Küsten, dem angenehmen Brennen frischen Salzes in der Luft, wird man als Flachlandbewohner schnell süchtig. Nirgends lässt sich so intensiv, so tief, so erhaben Luft in die Lungen saugen wie an der Spitze eines Panoramas, das bis an den Horizont mit dunklen Wassertiefen und ihren Geheimnissen gefüllt ist. So stellen wir uns das zumindest vor, als zwischen den Häusern Bakus der Seaside Boulevard vor uns auftaucht. Wie ein Teppich aus kleinsten Kristallen glitzert das Wasser des Kaspischen Meeres jenseits der Kaimauer, scharfe Lichter zerschneiden den strahlend blauen Spätsommerhimmel über Aserbaidschan. Der Anblick könnte nicht harmonischer, nicht unschuldiger auf uns Fremdlinge wirken. Erst im Näherkommen springt uns unsere Vorahnung direkt ins Gesicht - genauer gesagt kriecht in unsere Nase. Etwas versteinert, nur noch so flach wie möglich atmend, spähen wir über die stahlend weiße Mauer der Uferpromenade.


Es wäre auch zu schön gewesen, wenn wir nach unserer Zugfahrt durch die aufgebrochene, Öl-blutende Landschaft Aserbaidschan hier in Baku soetwas wie ein erholtes Ökosystem gefunden hätten. Doch die glänzende Küstenromantik strahlt genauso artifiziell wie die aufpolierte Uferpromenade. Unterhalb der Ufermauer schwimmt eine übel riechende braune Suppe aus Altöl und Schlamm, die erst nach ein paar Metern in das ungesunde Blau einer Bucht über geht, deren Grund sich seit Jahrzehnten mit dem Erbe des rücksichtslosen Rohstoffabbaus des vergangenen Jahrhunderts abmüht.

Irgendwie wissen wir nicht so recht, was wir mit Baku anfangen sollen. Baku selbst scheint es auch nicht anders zu gehen. Hier am Ufer, die Nase im Ölduft, der von der stoischen Wasserfläche aufsteigt, blitzt das Stadtbild grell und staubkörnchenfrei. Repräsentative Gebäude aus Stahl und Glas schimmern in der milchigen Luft. Entlang der Promenade reihen sich neuwertige Bistros mit großen Terrassen und nicht weniger großen Sonnenschirmen, mit Preisen, die die Einheimischen fernhalten und Touristen ein warmes Gefühl der Vertrautheit geben sollen. Schmale Flächen mit englischem Rasen, jedes Grashalm akkurat in Steillage gebürstet, liegen dazwischen, teilen sich den Platz mit dekorativen Kakteen und niedrigen Sträuchern und trotzen der vorderasiatischen Hitze unter dem eleganten Sprühregen der Sprinkleranlagen. Hinter der fünfspurigen Straße, die Alt- von Neustadt trennt, thront das Parlament, eingekleidet in antiker Manier und stolzem Marmor. Baku hält hier in diesen Teilen der Stadt den Erwartungen nach vermeintlicher Weltstadt mit Prunk und Modernität entgegen, kann aber nicht verbergen, dass unter der relativ dünnen Oberfläche aus poliertem Zeitgeist auch viel Unsicherheit liegt. Die Menschen, denen wir begegnen, vor allem die adrett gekleideten Kellner, die Staatsbeamten in ihren perfekt sitzenden Uniformen, die Anzugträger, die die Hauptstraße entlang hetzen, wirken teilweise irgendwie deplatziert, als hätte die Modernisierungshysterie die Menschen aus ihrem entschleunigten Lebensweisen gerissen und keine drei Atemzüge gelassen, um in die adretten Anzüge und perfekt sitzenden Uniformen zu finden. Baku - vielleicht ganz Aserbaidschan - wirkt aus seiner Zeit gerückt, in die Modernität gehetzt, ohne dass den Menschen die Zeit zum Luftholen geblieben ist. Wir wissen nicht so richtig, was wir davon halten sollen.



Außerhalb der sandfarbenen Innenstadt blitzt immer wieder ein Rest Sozialismus aus den Straßenecken, mal glänzt Hammer und Sichel im Stein, mal ein roter Stern. Wir lassen uns durch die Gassen und Seitenstraßen unweit der Uferpromenade treiben, doch fast siebenundvierzig Grad Temperatur werden vom gleißenden Himmelsblau auf uns herunter gepresst und treiben uns schnell zurück in Richtung der Illusion nach frischer Seeluft. Um der schlimmsten Mittagshitze und den horrenden Preisen der Promenaden-Restaurants zu entgehen flüchten wir auf einen Quadratmeter englischen Rasens in den Schatten, wo wir neben den Kakteen versuchen möglichst unauffällig auszusehen. Ein schlankes Katzenjunges, das Fell wie grau-schwarzer Marmor, streicht um unsere Beine und späht auf unsere Rucksäcke und deren vermeintlichen Inhalts. Wir sitzen noch keine fünf Minuten, als ein junger Aserbaidschaner, ein Kellner aus einem nebenan liegenden Restaurants, auf uns zutritt und uns mehr oder weniger ohne Umschweife ein Glas Wasser mit dem Füllvermögen eines Eimers in die Hände drückt. Wir können uns kaum überschwänglich bedanken, da ist er auch schon wieder verschwunden.

Von Herzen dankbar für die Erfrischung genießen wir die Verschnaufpause, nach zwei Wochen in Zügen inzwischen ordentlich eingeknittert, als ein Beamter - was genau seine Funktion ist, wird uns nicht so ganz klar - mit ausladenden Schritten auf uns zu hält und wild mit den Armen fuchtelt. Als wir glauben, zu verstehen was er uns mitteilen will, glotzen wir ihn für einen Moment wohl so unverständlich an, dass der arme Mann beginnt, sich nervös die Hände zu reiben und uns unter einem Kanon von bedauernden Schulterzucken unsicher anzulächeln. Weil schnell klar wird, dass in seinem Handbuch wohl nichts über widerstandleistende Touristen steht und uns alle Aserbaidschaner bisher sehr gastfreundlich und zuvorkommend begegnet sind, kommen wir seiner Aufforderung nach und rücken vom Rasen - und Schatten - weg auf den glühenden Asphalt des Gehwegs. Auch von den Rucksäcken wird das Gras ganz bravbürgerlich befreit. Nachdem er den umgeknickten Rasen begutachtet und für gerettet befunden hat, zieht der Beamte schnell von dannen. Also sitzen wir wieder in der Sonne, die unsere Köpfe und Oberarme so mit Hitze auflädt, dass sich darüber problemlos Marshmallows braten lassen würden, während neben uns die Grashalme den Schatten und den dezenten Sprühregen genießen und den Schein nach frischem Wiesengrün aufrecht erhalten. Da ist es ja, unser unberührtes Ökosystem, denken wir zufrieden und atmen möglichst flach, um dem Gestank der toten Bucht nicht zu tief in die Lungen zu ziehen.



Bakus Altstadt İçəri Şəhər

Es ist bereits Nachmittag, wir machen uns auf in Richtung der Altstadt. Wir haben genug vom Prunk und verabschieden uns durch eine mit Marmor geflieste Straßenunterführung vom modernen Baku. Bereits am Treppenaufgang zeigt sich der Jungfrauenturm Qız Qalası, von der Sonne angestrahlte, goldgelbe dreißig Meter. Der Sage nach stürzte sich hier eine Königstochter - natürlich mal wieder eine wunderschöne und grazil anzusehende Sorte Prinzessin - aus Verzweiflung vom Turm ins Meer, das sich inzwischen einige hundert Meter entfernt befindet, weil ihr eigener Vater um ihre Hand angehalten hatte. Der Turm markiert den Eingang zur Altstadt İçəri Şəhər, seit 2000 auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO. Der Spaziergang durch die sanierte Altstadt verdrängt den klinischen Eindruck der Uferpromenade mit der Zeit, Fresken und Verzierungen schmiegen sich in die ehrwürdig wirkenden Hausfassaden, vor den schmalen Läden werden Teppich- und Webwaren, gestickte Decken, antike Teekessel und aufwendig verzierte Teegläser zur Schau gestellt. Auch in Baku darf man nicht damit rechnen, dass die Händler den Touristen ausweichen und nicht mit den theatralischsten Gesten versuchen, sie in ihre Läden oder Bars zu locken, doch nach einem freundlichen, bestimmten "No" lassen fast alle locker. Wir spazieren im angenehmen Schatten der Überreste der Stadtmauer aus dem zwölften Jahrhundert entlang, unbeachtet von den beiden Polizisten, die auf einem Vorsprung der Mauer sitzend eine Partie Schach spielen. Jeder Schritt in den kopfsteingeflasterten Gässchen der Altstadt versöhnt uns mit Baku, bis wir sogar ein gewisses Maß an Sympathie für diese ambivalente Stadt erreichen, zumindest mit diesem Teil. In der İçəri Şəhər scheint sich die Zeit ein bisschen stärker mit Baku ausgesöhnt zu haben als im Rest der Stadt. Vor dem beeindruckenden Palast der der Schirwanschahs bleiben wir stehen. Der maisgelbe Stein leuchtet in der frühen Abendsonne und ist bis ins letzte Detail renoviert, als wäre er erst gestern, und nicht im Jahr 1411 erbaut worden. Arabische Inschriften zieren die Fassade. Doch auch all die Schönheit der Altstadt trübt nicht über unsere Erschöpfung hinweg - Stunden in Nachtzügen und wenig Schlaf bei tropischer Hitze haben ihre Spuren hinterlassen.

Als das Licht steiler steht und beginnt, die Details aus dem Straßenbild zu saugen, wischen wir unsere Bedenken zum nicht vorhandenen Denkmalschutz beiseite und lassen wir uns inmitten historischer Ausgrabungen auf die malerische Terrasse eines Restaurant fallen. Wir haben es geschafft, zwei Wochen waren wir unterwegs, auf dem Landweg nach Aserbaidschan. Sind erschöpft. Aber glücklich. Der heiße, würzige Tee aus dem Samowar, und die saftigen, unbeschreiblich süßen Backwaren, die wir zu einem Touristen-kompatiblen Preis bestellen, füllen unsere Mägen mit Wärme und unsere Köpfe wieder mit Leben. Dazu gibt es unaufdringliche Sitar-Klänge vom obligatorischen Saiten-Musiker.

Wir verlassen das ambivalente, in sich nicht schlüssig wirkende Baku nach gerade mal einem Tag mit dem Gefühl, keine Wurzeln in der Stadt geschlagen zu haben. Und doch sind wir uns wortlos darüber einig, dass dieser Eindruck nicht für ganz Aserbaidschan geltend gemacht werden kann. Was immer jenseits der Hauptstadt liegen mag, wir wissen, dass wir eines Tages zurückkehren und erkunden werden, welche Welten hinter den der kargen Felsen und aufgebrochenen Ölwüsten gefunden werden können.






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