DFB zur Causa Özil

  09 Juli 2018    Gelesen: 817
DFB zur Causa Özil

Reinhard Grindel hat Nationalspieler Mesut Özil kritisiert. Was der DFB-Präsident verkennt: In der Debatte geht es um weit mehr als Sport - es geht um die Frage, welche Menschen Deutschland repräsentieren.

 

Seit einigen Jahren gibt es beim Deutschen Fußball-Bund den Posten des Integrationsbeauftragten. Auf der Website des Verbands heißt es: "Integration wird beim DFB als Querschnittsaufgabe verstanden und ist in der "gesellschaftlichen Verantwortung" angesiedelt." Maria Böhmer, die frühere Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, wird dort mit dem Satz zitiert: "Mit seinem großen Engagement leistet der DFB einen wertvollen Beitrag. Mesut Özil und Jérôme Boateng sind Brückenbauer und wichtige Vorbilder für Migranten."


An die Vorbildwirkung von Mesut Özil wurde in den vergangenen Tagen beim DFB weniger erinnert. Manager Oliver Bierhoff und Präsident Reinhard Grindel haben den Nationalspieler stattdessen deutlich kritisiert. Es bleibt das zwiespältige Gefühl, der DFB habe einen Schuldigen gefunden, den er für das frühe Aus bei dieser WM mitverantwortlich machen könne.

Während Bundestrainer Joachim Löw öffentliche Äußerungen derzeit meidet und um Geduld gebeten hat, um das Scheitern in Russland aufzuarbeiten, haben Bierhoff und Grindel offensichtlich weniger Zeit nötig, um in die Ursachenforschung einzusteigen. Dabei hatte Grindel zuvor auch explizit den Bundestrainer aufgefordert, zunächst eine "ehrliche Analyse" vorzulegen, auf deren Basis man dann die sportliche Misere bei der WM beurteilen kann.

Grindel übt Druck auf Löw aus

Stattdessen steht Özil jetzt im Fokus. Grindel hat im "Kicker" Özil zu einer öffentlichen Stellungnahme aufgefordert, für diese Forderung hat er allerdings zwei Monate gebraucht. Die Fotos, die Özil und Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zeigen, sind seit Mitte Mai in der Öffentlichkeit.

Zudem hat der Verbandschef mit diesem Satz auch Druck auf den Bundestrainer ausgeübt: "Daneben müssen wir die sportliche Analyse abwarten und schauen, ob Joachim Löw weiter mit ihm plant." Es geht um die Frage, ob Löw Özil überhaupt noch einmal nominieren wird.

Es sind Äußerungen, die daher so schwer wiegen und ein solches Echo auslösen, weil sie in eine Zeit fallen, in der die Themen Integration, Migration und Einwanderung extrem emotional diskutiert werden, teilweise mit Ressentiments vermischt, nicht zuletzt politisch instrumentalisiert. Es müsste Bierhoff und Grindelbewusst sein, dass das Thema Özil längst kein rein sportliches mehr ist und jeder Satz zu dem Thema auch gesellschaftspolitisch auf die Goldwaage gelegt wird.

Dieses Problem hat der Bundestrainer nicht: Von Löw gibt es keine dezidierten gesellschaftlichen Appelle, wie sie vom Freiburger Trainer Christian Streich regelmäßig zu hören sind.

Von Cacau ist nichts zu hören

Das ist auch nicht seine Hauptaufgabe. Aber wenn es um Themen geht, die auf dem schmalen Grat zwischen Fußball, Politik und Gesellschaft wandeln, fällt dem DFB und der Nationalmannschaft diese vermeintlich unpolitische Haltung regelmäßig auf die Füße. Wenn Bierhoff in der Anfangsphase der Causa Özil/Gündogan davon gesprochen hat, man müsse auch berücksichtigen, "wie die Türken ticken", ist das sicherlich eher mangelndes Fingerspitzengefühl als böser Wille. Aber: Es ist ein Signal.

Ein Signal, das auch Nachwuchsspieler aus Einwandererfamilien registrieren werden: Will der DFB überhaupt, dass wir für Deutschland spielen? Die Frage, ob sich talentierte Spieler künftig selbstverständlich für Deutschland entscheiden, wenn eine mögliche Länderspielkarriere ansteht, wird in den Familien und bei den Spielern nach den Erfahrungen im Umgang mit Özil wahrscheinlich neu diskutiert werden.

Der Integrationsbeauftragte des DFB heißt übrigens Cacau. Er war 2010 Teil der deutschen Mannschaft, die bei der WM so begeistert hat und auch für ihre Zusammensetzung mit zahlreichen Spielern aus Einwandererfamilien gefeiert wurde. Einer seiner Mitspieler war Mesut Özil. Von dem Integrationsbeauftragten war in dieser Angelegenheit in den vergangenen Wochen zumindest öffentlich nichts zu hören. Nicht nur Mesut Özil schweigt.

spiegel


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