Warum Deutschland nicht mehr zur Weltspitze gehört (und das gut ist)

  22 Juni 2019    Gelesen: 460
  Warum Deutschland nicht mehr zur Weltspitze gehört (und das gut ist)

Einst waren die DFB-Frauen Teil der Elite. Aber nun haben kleinere Nationen aufgeholt, und die USA sind enteilt. Das hat auch taktische Gründe. Für den Fußball ist das eine Chance.

Die USA und Deutschland haben den Fußball bei den Frauen geprägt wie niemand sonst, bei jeder WM war eines der Teams im Endspiel, vermutlich wird sich das auch diesmal in Frankreich nicht ändern. Beide haben die drei Gruppenspiele gewonnen, ohne ein Tor zu kassieren. Und doch ist bei dieser WM etwas anders.

Die USA sind Deutschland enteilt. Überhaupt ist der deutsche Stammplatz an der Weltspitze in Gefahr, womöglich ist er schon verloren gegangen. Denn der Vorsprung auf die Außenseiter von einst ist geschmolzen. Das DFB-Team, das zeigte die Vorrunde, hat auf die Entwicklungen im Fußball noch nicht die richtigen Antworten gefunden.

Früher war Deutschland eines der wenigen Länder, in denen Mädchen und Frauen in Vereinen Fußball spielen und sich im Ligabetrieb messen konnten. In Relation zu den Männern ist der Prozess der Professionalisierung zwar längst nicht vollendet. Doch im internationalen Vergleich lagen die Frauen vorne. Die Konkurrenz kam aus Skandinavien und den sportbegeisterten USA, wo Schulen und Hochschulen die Trainingsbedingungen boten, die man in Europa aus Vereinen kennt. Doch der Rest?

Athletisch konnten nur wenige über 90 Minuten mit Deutschland mithalten. Regelmäßiges Training und Pflichtspiele brachten nicht nur fitte und technisch gute DFB-Spielerinnen hervor. Sie waren auch Voraussetzung für taktische Reife.

Diese Voraussetzungen bieten inzwischen auch andere Nationen. In Frankreich, England, Spanien, Italien und Australien sind die Ligen attraktiv für internationale Talente, die dort wachsen können. Und je mehr Spielerinnen unter guten Bedingungen trainieren können, desto besser das fußballerische Niveau. Davon profitieren auch Nationalteams, wie die Gruppenphase nun wieder gezeigt hat.

Der Kreis jener Teams, denen man den Halbfinaleinzug zutraut, ist größer geworden. Zugleich haben die Außenseiter aufgeholt. Dass Abwehrspielerinnen nur Augen für den Ball haben, sich aus ihrer Position locken und in Eins-gegen-eins-Duelle verwickeln lassen - das war mal. Diszipliniertes Verteidigen ist heute Standard.

Das 0:0 Argentiniens gegen Japan, den WM-Zweiten von 2015, steht stellvertretend für den Sprung, den die kleineren Nationen in Sachen Defensive gemacht haben. Gegen die spielstarken Japanerinnen hielt Argentinien - mit fünf Startelfspielerinnen, die in Spanien unter Vertrag stehen - seine Organisation aufrecht.

Für die Spitzenteams bedeutet das eine ganz neue Herausforderung. Es müssen Lösungen her.

Bei den 1:0-Siegen über China und Spanien verteidigte Deutschland, bis auf wenige Ausnahmen, zwar erfolgreich. Doch das DFB-Team erspielte sich kaum Chancen. Aufeinander abgestimmte Bewegungen waren rar. Erst gegen WM-Neuling Südafrika gelang ein souveräner Sieg (4:0). Von einer Dominanz, wie sie die USA ausstrahlten, ist Deutschland Welten entfernt.

Dabei muss man wissen, dass Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg erstmals im Februar ein Spiel des Nationalteams coachte und bei der WM größtenteils ohne ihre Beste auskommen musste, Dzsenifer Marozsán. Das DFB-Team ist jung und steht in seiner Entwicklung am Anfang.

Es wird aber wichtig sein, nicht nur Spielerinnen zu entwickeln, sondern auch das eigene Angriffsspiel. Nur so wird gewährleistet, dass stabile Abwehrreihen nicht zufällig überwunden werden, sondern planvoll und beständig.

Auch im Achtelfinale gegen Nigeria (17.30 Uhr; Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF) dürfte das DFB-Team mehr Ballbesitz haben. Für solche Begegnungen wäre ein Offensivkonzept wichtig, das Schwächen beim Gegner erkennt, den Spielerinnen vorgibt, welche Rolle sie auf dem Feld ausführen und welche Räume sie attackieren sollen, ohne dabei deren Spontanität einzuschränken.

Seine sechs WM-Tore aber erzielte das DFB-Team bislang alle nach Ecken und hohen Flanken.

Wie es besser geht, zeigen die USA. In ihren Gruppenspielen trafen sie zwar stets auf defensive Gegner, und doch stellten sie den WM-Rekord für die meisten Vorrundentreffer auf. Sie vereinen Physis und Technik mit der passenden Taktik.

So rückten etwa gegen Chile (3:0) die Außenverteidiger bei US-Ballbesitz schon mal ins defensive Mittelfeld. Eine taktische Besonderheit, die man auf Topniveau erstmals beim FC Bayern von Pep Guardiola erlebte, der damals Philipp Lahm und David Alaba immer wieder während einer Partie auf die Sechserposition einrücken ließ. Ein Kniff, der das Zentrum stärken, auf den Außen Platz schaffen und die Absicherung gegen Ballverluste erhöhen kann.

Beim 13:0-Rekordsieg gegen Thailand war zu sehen, wie viel Wert das Team aufs Einhalten bestimmter Positionen im Aufbau legt. Kreativität war erst am gegnerischen Strafraum wichtig. Um dahin zu gelangen, hatte das Team einen Plan.

Die USA sind der Maßstab, sie haben die Antworten auf die Entwicklung der anderen Teams bereits gefunden. Für den DFB wird das schwieriger. Dafür bräuchte Voss-Tecklenburg wohl mehr Zeit. Nicht im Amt, sondern im Alltag.

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Das 4:0 gegen Südafrika war das siebte Länderspiel für Deutschland im Jahr 2019. Die USA absolvierten im gleichen Zeitraum 13 Partien. Die Amerikanerinnen verbringen mehr Zeit beisammen. Ein immenser Vorteil. Trainerteam und Spielerinnen können an Spielidee und Taktik schrauben.

Die Erkenntnis, dass im taktischen Bereich Arbeit wartet, könnte aber zumindest dahin führen, dass Voss-Tecklenburg Akzente auf die Angriffstaktik legt. Das gilt nicht allein für die Bundestrainerin, sondern auch für ihre Kolleginnen und Kollegen aus anderen Nationalteams. Davon würden die Favoriten profitieren. Und wir Zuschauer.

spiegel


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