Die Grüne Lunge brennt, Bolsonaro spottet

  23 Auqust 2019    Gelesen: 567
Die Grüne Lunge brennt, Bolsonaro spottet

So viele Feuer wie nie brennen im Amazonas-Regenwald. Rauch verdunkelt über Tausende Kilometer den Himmel Brasiliens. Präsident Bolsonaro flüchtet sich in abstruse Anschuldigungen. Peru und Bolivien rufen den Notstand aus.

Als Ricardo Salles redet, wird es laut im Saal. Buhrufe übertönen Brasiliens Umweltminister bei der Klimawoche, einer UN-Umweltkonferenz in der nordöstlichen Stadt Salvador. Zuschauer halten Zettel in die Höhe, darauf sind Sätze zu lesen wie "Stoppt den Ökozid". Die Emotionen haben sich lange aufgestaut, nun entladen sie sich. In den vergangenen Monaten wird im Regenwald des Landes wie wild gerodet. Zehntausende Brände haben seit Januar die Grüne Lunge des Amazonasbeckens geschwärzt. Dem Minister wird als Teil der Regierung vorgeworfen, nichts dagegen zu tun oder gar zum Raubbau zu ermutigen.

Wenige Tage vor Salles Auftritt hatten die Feuerflächen eine geisterhafte Szenerie im Bundesstaat der Wirtschaftsmetropole São Paulo verursacht. Wolken verdunkelten den Himmel und bescherten der Bevölkerung einen um Stunden verfrühten Nachteinbruch. Der Rauch aus dem 3000 Kilometer entfernten Regenwald war weiter in den Süden gezogen. Als es regnete, klarte es wieder auf - aber das Wasser, was von oben kam, war trüb und roch verbrannt. Mehrere Bewohner São Paulos sammelten das verschmutzte Wasser in Flaschen und schickten es zur Untersuchung ans Chemie-Institut der Universität. Sie bestätigte die Vermutung: Der Regen war schwarz vom Rauch. Die Folge der Verschmutzung sind fatale Gesundheitsschäden. Mehr Kinder und Ältere würden sterben, wenn nichts unternommen werde, warnte ein brasilianischer Wissenschaftler in der BBC.

In anderen Städten des Landes ist häufiger kein blauer Himmel zu sehen, etwa von Bewohnern der Großstädte Cuiabá, Manaus und Río Branco. In Porto Velho ist er bereits seit Ende der Regenzeit vor zwei Monaten nur noch grau. "Himmel? Den gibt es hier nicht, wir haben nur Rauch", sagte ein Wissenschaftler in der Hauptstadt des Bundesstaates Rondônia. Im südlichen Amazonasbecken wüten besonders viele Feuer. Brände zur Rodung im Amazonas-Regenwald sind nichts Neues, aber das Ausmaß ist erschreckend. Über 74.000 davon registrierte das brasilianische Weltrauminstitut INPE seit Beginn des Jahres bis Anfang der Woche, so viel wie noch nie in diesem Zeitraum. Seit 2013 wertet INPE Satellitenbilder aus und gibt eine entsprechende Statistik heraus. Im Vergleich zu 2018 sind es bislang über 80 Prozent mehr und seit Anfang August besonders viele.

Trockenzeit wird länger


Bis zum Jahr 2100, erwartet der Weltklimarat IPCC, wird sich die Trockenzeit um drei bis zehn Tage verlängern. Durch den Klimawandel und die bereits weltweit um rund 1,5 Grad gestiegene Temperatur ist der Regenwald trockener und entzündet sich leichter. Zwischen Oktober und November bricht auch im zentralen Amazonasbecken die Trockenzeit an, dann könnte sich die Zahl der Brände weiter erhöhen. In manchen Regionen Brasiliens rufen Landbesitzer "Tage des Feuers" aus, um Brandrodungen voranzutreiben, berichtete die Zeitung "Folha de São Paulo". Die Bauern fühlten sich dazu vom rechten Präsidenten Jair Bolsonaro ermutigt.

Wegen eines drohenden Übergreifens der Brände hat nun auch das angrenzende Peru den nationalen Notstand erklärt. Die Katastrophe im Amazonas ist jedoch keineswegs ein nationales oder kontinentales, sondern im Angesicht des Klimawandels ein globales Thema. UN-Generalsekretär António Guterres twitterte, er sei "tief besorgt" über die Feuer im Regenwald. "Der Amazonas muss geschützt werden." Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte an, die Lage zum Thema beim kommenden G7-Gipfel zu machen. Bolsonaro reagierte ungehalten und warf Frankreich Kolonialmentalität vor. Er sieht die Sorge um die Grüne Lunge als Eingriff in die nationale Souveränitat.

Bolsonaro hatte zunächst die Zahlen des staatlichen Instituts INPE zur Rodung geleugnet, sie als Lügen dargestellt und den Direktor, ein renommierter Wissenschaftler, durch einen Luftwaffenoffizier ersetzt. Aber auch die US-Weltraumbehörde Nasa registrierte zwei Drittel mehr Brände als im Vorjahreszeitraum. Es gibt dazu auch eine für jeden einsehbare Karte. Sie zeigt tagesaktuell Brandherde und unterlegt sie in beängstigenden Farben mit Feuerkonzentrationen der vergangenen zwei Jahrzehnte. Die Hälfte der Brände in Südamerika hat die Nasa im Amazonasbecken registriert.

"Erbärmliche Aussage"


Bolsonaro leugnet nun nicht mehr, sondern begründet den beängstigenden Rekord mit einer Mischung aus Opferrolle und Anschuldigungen: "Ich wurde Kapitän Kettensäge genannt. Jetzt bin ich Nero, der den Amazonas anzündet. Dabei ist Brandrodungssaison." Tatsächlich ist es weithin üblich, dass südamerikanische Landbesitzer in der Trockenzeit mit Feuer roden, aber in Brasilien sind derzeit etwa 80 Prozent davon illegal. Bolsonaro bezichtigte zudem unter anderen Umweltschützer der Brandstiftung, nur um ihn schlecht dastehen zu lassen. "Diese Leute vermissen das Geld." Bolsonaro hatte die Finanzierung für NGOs gekürzt. Belege präsentierte er keine.

"Das ist eine üble, erbärmliche Aussage", empörte sich Brasiliens Greenpeace-Sprecher Macrio Astrini. "Die Zunahme an Rodungen und Bränden sind das Ergebnis seiner Anti-Umweltpolitik." Dafür spricht überwältigend viel, nicht nur die Statistik zu den Rodungen. So hatte Bolsonaros Regierung die Finanzierung von Umweltschutz und Forschung gekürzt, Umweltminister Salles neben dem INPE-Chef weiteres unliebsames Personal durch Militärs besetzt und beglückwünschte illegal vorgehende Holzfäller in Rondônia öffentlich für ihre tolle Arbeit. Inzwischen werden so wenige Geldstrafen wie nie wegen illegalen Rodens verhängt. Kein einziges Schutzprojekt hat Bolsonaros Regierung seit dessen Amtsantritt genehmigt. Hilfsgelder aus einem deutsch-norwegischen Hilfsfonds verschmähte er. Solle doch Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Millionen den deutschen Wald aufforsten, spottete er.

Abgesehen von Brasilien, auf dessen Territorium sich rund 60 Prozent des Regenwaldgebietes befinden, zeigt die Nasa-Karte aber noch mehr. Über insgesamt neun südamerikanische Länder erstreckt sich der Amazonas, in vielen sind Feuer zu sehen. Die weit verbreitete Methode der Brandrodungen für landwirtschaftliche Zwecke hat etwa Boliviens wirtschaftlich wichtigste Region Santa Cruz in eine dramatische Situation gebracht. Seit drei Wochen toben dort von Menschenhand gelegte Brände. Eine Million Hektar Savannen- und Waldgebiete sind den Flammen bereits zum Opfer gefallen, nun drohen sie auf die Nationalparks im Amazonas überzugreifen. Die bolivianische Regierung rief ebenfalls den Notstand aus.


Quelle: n-tv.de


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