Wie China seine Bürger zur Gesichtserkennung zwingt

  05 Dezember 2019    Gelesen: 524
Wie China seine Bürger zur Gesichtserkennung zwingt

Ohne Gesichts-Scan bekommen Chinesen künftig nicht einmal mehr eine neue Handynummer. Doch der Widerstand gegen die total staatliche Kontrolle wächst.

Gesichtserkennungsprüfungen werden in China noch verbreiteter. Denn seit dem 1. Dezember gilt eine neue Regel: Jeder, der eine neue Mobiltelefonnummer registriert, muss sich einem Gesichts-Scan unterziehen.
Die Einführung der Speicherung von biometrischen Daten, so die Regierung, "schützt die legitimen Rechte und Interessen der Bürger im Cyberspace wirksam" und trägt zur Betrugsbekämpfung bei.

Es ist der logische nächste Schritt für Pekings Pläne, schließlich soll im kommenden Jahr ein Punktesystem - Sozialkreditsystem genannt – landesweit eingeführt werden, das die Menschen bewertet. Die Gesellschaft soll dadurch gerechter - denn das System gilt für alle Schichten - aber vor allem auch sicherer werden, so die weitläufige Erklärung der kommunistischen Führung.

Dass diese vermeintliche Sicherheit Kontrolle mit sich bringt, zeigen schon die bisherigen Entwicklungen: Anonym geht schon seit einigen Jahren nichts mehr in der Volksrepublik.  
Bereits 2015 wurden Richtlinien für die Registrierung von Klarnamen eingeführt. Alle Onlinekonten müssen seitdem mit Ausweis und Foto verknüpft sein.

Mehr als 850 Millionen Menschen in ganz China - etwa 65 Prozent der Bevölkerung - nutzen ihre mobilen Geräte, um auf das Internet zuzugreifen. Dabei sind Apps wie "WeChat" von Tech-Konzern Tencent für viele Chinesen zum eigentlichen Internet geworden und bieten alles von Nachrichtenübermittlung und sozialen Netzwerke, Taxidienste bis hin zur Lieferung von Lebensmitteln, Buchung von Massagen und der Zahlung von Steuern.

Die Gesichtserkennung ist mittlerweile in ganz China verbreitet. Am neuen Flughafen Daxing in Peking wird sie fürs Einchecken, zum Zugang ins Bürogebäude oder aufs Hotelzimmer, bis hin zur Punktesammlung bei Müllsortieranlagen eingesetzt. In der vergangenen Woche hat das Pekinger U-Bahn-System sogar begonnen, an Sicherheitskontrollpunkten neue Gesichtserkennungseingänge zu testen.
Über seine biometrischen Daten wird künftig das Ticket für die Fahrt bezahlt. 118 Millionen Nutzer sollen schon per Gesichtsscan Einkäufe im Alltag bezahlen, 2018 waren es gerade mal 61 Millionen.

Das Hinzufügen vollständiger Gesichts-Scans weckt Bedenken hinsichtlich der staatlichen Überwachung und der Fähigkeit der staatlichen Mobilfunkanbieter des Landes, vertrauliche Informationen über ihre Kunden auch ausreichend zu schützen. Im September schrieben vier chinesische Forscher, die auf Künstliche Intelligenz und Biometrie spezialisiert sind, dass potenzielle Verstöße oder Fehler in dieser Art von Informationssammlung "schwere und dauerhafte" Folgen für die Betroffenen haben könnten.

Sie nennen unter anderem ein Beispiel der Universität of Essex, bei der die Gesichtserkennungstechnologie der Londoner Polizei eine Fehlerquote von 81 Prozent aufwies. Einer Frau in China wurde etwa die Einreise per Gesichtsscan nicht mehr erlaubt, nachdem sie sich in Südkorea einer Schönheitsoperation unterzog. Häufig aber ist die Technologie noch so fehlerhaft, dass allein das Tragen einer Kopfbedeckung dazu führt, dass die Künstliche Intelligenz die Person nicht mehr wiedererkennt.

Kritiker sehen aber nicht die fehlerhafte Technologie allein als Problem. Vielmehr warnen sie, dass nicht klar ist, was die Behörden mit den Daten machen werden. Schon jetzt zählen laut amerikanischen Studien die Großstädte in der Volksrepublik zu den am meisten überwachten Orten der Welt. Mehr als 100 Überwachungskameras kommen dabei auf 1000 Einwohner. Wer schon mal auf dem Platz des Himmlischen Friedens gestanden hat, kann sich selbst ein Bild von den insgesamt 600 Millionen intelligenten Kameras in China machen.

In der Region Xinjiang sind allgegenwärtige Überwachungskameras Teil eines Überwachungssystems, das insbesondere die überwiegend muslimischen Uiguren auf Schritt und Tritt verfolgt. In einigen Städte in Xinjiang gibt es Gesichtsüberwachungskameras, die etwa alle 45 Meter Bilder an zentrale Kommandozentralen senden, in denen Querverweise erstellt werden können. Erst am Dienstag hatte die New York Times berichtet, dass chinesische Behörden mit Hilfe von Blutproben eine DNA-basierte Datenbank der uigurischen Minderheit erstellt und mit Gesichtserkennungsdaten korreliert haben, um mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz die ethnische Zugehörigkeit aller überwachten Personen klassifizieren zu können.

Und nicht alle in China nehmen Gesichtserkennungstechnologie und die Speicherung ihrer biometrischen Daten hin. Jüngst verklagte Guo Bing, Professor für Rechtswissenschaft an der Zhejiang Sci-Tech University, einen Safaripark in Hangzhou, nachdem alle Inhaber von Dauerkarten gezwungen worden waren, ihre Gesichter zu scannen.

In der Sonderverwaltungszone Hongkong, haben Demonstranten im August mehrere „intelligente“ Laternenpfähle zerstört, da sie befürchteten, dass diese der chinesischen Regierung zur Gesichtserkennung und anderer Formen von Überwachung dienen.

Im Oktober richtete China eine nationale Arbeitsgruppe von 28 Technologieunternehmen ein, um Standards für die Gesichtserkennung festzulegen. Wie so oft in China kommt dieser Schritt Jahre nachdem die Technologie in der Praxis getestet und eingesetzt wird.  Dass ausgerechnet Unternehmen wie Sensetime, iFlytek, deren Ausrüstung die chinesische Regierung etwa in Xinjiang nutzt, um die Uiguren zu überwachen, an diesem Gremium teilnehmen, weckt zumindest aus westlicher Sicht kein großes Vertrauen daran, dass die Verbraucher im Mittelpunkt stehen werden.

tagesspiegel


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