Eine Stadt im Impf-Rhythmus

  07 April 2021    Gelesen: 235
Eine Stadt im Impf-Rhythmus

Die New Yorker haben die Jagd nach Corona-Impfterminen zu einer Art Sport gemacht. Es geht um Schnelligkeit, aber auch um gegenseitige Hilfe. Doch die Infektionszahlen steigen wieder.

Ein milder Frühlingstag in New York mit Open Air Jazz am Hudson River: Die Besucher halten Abstand, tragen Masken und haben neben dem Jazzrhythmus den Takt der Impftermine im Kopf. Stefan aus dem Publikum schwingt sich aufs Rad - er fahre jetzt in die Bronx zum Impfen, sagte er beiläufig in der Konzert-Pause.

Was in Deutschland noch immer eine Sensation ist, ist in New York Routine geworden: mal eben zur Covid-Impfung. Jeder Fünfte ist bereits komplett geimpft. Ein Drittel der New Yorker hat zumindest die erste Dosis bekommen. Gelassen macht sich auch Stefan auf den Weg zu seiner Impf-Station - den Namen wisse er gar nicht so genau, sie sei 15 Kilometer vom Konzertort entfernt.

Ob Praxis, kleine Drogerie oder eines der Mega-Impfzentren. Es wimmelt von Möglichkeiten, sich den Schutz vor dem Virus zu holen, über die Grenzen von Beruf, Alter und Stadtteilen hinweg. Tausende Termine werden täglich angeboten. Nur schnell müssen alle sein.

"Alle paar Minuten draufklicken - refresh, refresh, refresh": Das Klicken durch die Termin-Websites ist auch für die Wahl-New-Yorkerin Tanja zum neuen Sport geworden. Das schwierigste dabei sei gewesen, sagt sie, alle Formulare so schnell wie möglich auszufüllen. Wer einen freien Slot gefunden hat, muss den Online-Fragebogen schaffen, bevor ein anderer schneller ist.

Jeder ab 16 Jahren ist berechtigt. Die Stadt ruft zu gegenseitiger Hilfe auf. Und die New Yorker machen einen Sport daraus, auch in Tanjas Nachbarschaft in Manhattan. Das geht dann so: "Die Webseiten teilen, wo man am Besten gucken soll, die Uhrzeiten teilen. Twitter war ein großer Tipp - dass da oftmals Leute Updates posten."

Straßenzüge verbünden sich auf Facebook, um vor allem die Älteren mit ins Boot zu nehmen. Arbeitskollegen ziehen einander mit, sagt Chris, der für eine Fluggesellschaft arbeitet. Sie hätten eine Textnachrichten-Kette untereinander gehabt, "zum Beispiel, um zu sagen: 'Hey, um Mitternacht gab es auf dieser Website viele Termine. Schaut gleich rein, wenn ihr morgen früh wach seid.'"

Geimpft wird sogar in der Nacht. Täglich kommen neue Zentren hinzu. Doch bei allem Tempo, sagt Chris, bleibe das Gefühl von Freiheit zunächst gebremst. "Es gibt noch diese Solidarität: Nicht jeder hat die Impfung bereits. Wir müssen weiter vorsichtig sein."

Nicht jeder denkt so in New York. Mit den Frühlings-Temperaturen steigen Maskenmüdigkeit und Partylust. Die Impfkampagne gibt eine trügerische Sicherheit, warnt Bürgermeister Bill de Blasio. Es werde "noch Monate dauern", bis genügend Menschen geimpft seien, "um die Kurve zu kriegen".

Doch die Infektionskurve steigt gerade wieder. Trotz der rasanten Impfkampagne ist New York neben dem Nachbarstaat New Jersey wieder landesweiter Spitzenreiter bei den Neuinfektionen.

tagesschau


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