Warum der Patent-Streit so erbittert ist

  07 Mai 2021    Gelesen: 1576
Warum der Patent-Streit so erbittert ist

Die USA als Robin Hood in der weltweiten Impfkampagne? Warum so viele Länder und NGOs die Patente auf Impfstoff aussetzen wollen – und was dagegen spricht.

Einen "Meilenstein" nennt die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen die Ankündigung der USA: Die Regierung von Joe Biden unterstützt die zeitweise Aussetzung von Patenten für die Corona-Impfstoffe. Mit welcher Wucht diese Nachricht vom gestrigen Abend für Bewegung sorgt, wird am Morgen danach deutlich: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen teilt prompt mit, die Europäische Union sei "bereit, jeden Vorschlag zu diskutieren, der diese Krise wirksam und pragmatisch angeht".

Diskussionsbereitschaft soll ein Meilenstein sein? Tatsächlich fällt hier gerade eine Abwehrmauer, die seit Oktober 2020 in der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf eine hitzig geführte Debatte blockierte. Hitzig deshalb, weil die Wissenschaft sich im Folgenden einig ist: Eine weitgehende Immunisierung der Weltbevölkerung ist der einzig nachhaltige Weg aus der Corona-Pandemie - für alle.

Was ist das Problem?

Es ist bei weitem nicht ausreichend Impfstoff für die knapp acht Milliarden Menschen verfügbar. Und daran wird sich - Stand jetzt - so schnell auch nichts ändern. Gleichzeitig steht die Welt massiv unter Zeitdruck. Derzeit sind es vor allem Indien und Brasilien, deren Gesundheitssysteme kollabieren und die erschütternde Zahlen von Gestorbenen melden. Doch überall auf der Welt ist sichtbar, dass die Verfügbarkeit der wenigen bereits zugelassenen Impfstoffe über Leben und Tod entscheidet.

Während an manchen Orten Menschen auf Krankenhausparkplätzen ersticken, sehen Staaten mit fortschreitender Impfkampagne wie die USA, Israel und manche europäische Länder eine Entspannung der Lage. Vor diesem Hintergrund streiten die Mitgliedsländer der WTO darüber, die Patente auf Corona-Impfstoffe, deren Bestandteile und Medizinprodukte auszusetzen. Um mehr Kapazitäten zu nutzen. Doch wie sind die Kapazitäten derzeit?

Was schaffen die Hersteller 2021?

Biontech und Pfizer schaffen es durch die Übernahme eines ehemaligen Novartis-Werkes in Marburg, ihre Produktion für Europa stark zu steigern. Anfang des Jahres korrigierten sie ihre geplante weltweite Liefermenge für 2021 deutlich nach oben: von 1,3 auf zunächst 2 und dann maximal 2,5 Milliarden Dosen. Da der vollständige Schutz erst durch zwei Impfungen erreicht wird, kann Biontech also 1,25 Milliarden Menschen in diesem Jahr zur Immunität verhelfen.

Die US-Firma Moderna lässt ihr Vakzin außerhalb der USA von dem Schweizer Pharmaunternehmen Lonza produzieren. Der Hersteller kündigte in der vergangenen Woche an, drei zusätzliche Produktionsstraßen aufzubauen. So soll die Liefermenge 2021 von bislang 700 auf nun 800 bis maximal 1000 Millionen Dosen erhöht werden. Bei zwei benötigten Dosen pro Immunisierung, könnte Moderna im laufenden Jahr also vollen Impfschutz für maximal 500 Millionen Menschen ermöglichen.

Der chinesische Konzern Sinovac ließ zwar vor einigen Wochen vermelden, sein Wirkstoff CoronaVac sei mit bis zu zwei Milliarden Dosen 2021 auf dem Markt. Allerdings enttäuschte das Vakzin jüngst in Wirksamkeitsstudien. Mit 50,7 Prozent Wirksamkeit lag es nur ganz knapp über der Marke, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Impfstoffe vorschreibt. Die liegt bei 50 Prozent. Präparate wie das Biontech-Vakzin und jenes von Moderna erreichen über 90-prozentige Wirksamkeiten.

Astrazeneca hat Lieferprobleme, seit Indien einen Ausfuhrstopp der dort produzierten Mengen verhängt hat, um sie an die eigene, leidende Bevölkerung zu verimpfen. Mit Johnson & Johnson, der nur einmal verimpft werden muss, und dem russischen Wirkstoff Sputnik V sind weitere Vakzine verfügbar, doch ist bereits jetzt klar: Die annähernd 2 x 8 = 16 Milliarden Impfdosen, die man bräuchte, um jedem Weltbürger Impfschutz vor Covid-19 zu gewähren, werden die großen Player nicht annähernd produzieren können. Und derzeit geht Pfizer-Chef Albert Bourla davon aus, dass eine dritte Biontech-Impfung zur Auffrischung notwendig wird sowie jährliche Injektionen danach.

Was verdienen die Produzenten 2021?

Die Umsätze der großen Entwickler und Hersteller werden 2021 im zweistelligen Milliardenbereich liegen. Am Dienstag teilte Pfizer mit, das Unternehmen habe allein in den ersten drei Monaten des Jahres nur mit seinem zusammen mit Biontech entwickelten Impfstoff 3,5 Milliarden Dollar eingenommen. Als Jahresumsatz für das Vakzin hat der Konzern schon früher 26 Milliarden Dollar vorausgesagt.

Moderna hatte im Februar mitgeteilt, mit den schon bestehenden Verkaufsverträgen für das Vakzin käme man auf 19,2 Milliarden Dollar Umsatz 2021. Demgegenüber belaufen sich die Investitionskosten des Pharmaunternehmens für seinen Impfstoff auf null Dollar. Denn die öffentliche Förderung deckte die Kosten für die Forschung zu 100 Prozent ab, wie die BBC in einem Überblick zeigt.

Die Mainzer Forscher von Biontech wurden weniger üppig bedacht: Etwa ein Sechstel der Entwicklungskosten konnten durch Förderung finanziert werden. Doch bei den Umsatzprognosen von Partner Pfizer wird deutlich: Die Forschung am tatsächlich bahnbrechenden mRNA-Impfstoff hat sich finanziell schon jetzt mehr als ausgezahlt.

Welche Argumente sprechen für oder gegen die Patente?

Pharmaverbände wehren sich gegen die Option, die Patente auf die Corona-Wirkstoffe vorübergehend auszusetzen mit dem Argument, dass sie auf eigenes Risiko Millionen in die Forschung investieren. Die allermeisten Projekte jedoch versanden nach Aussage der Verbände. Wenn aber einmal ein erfolgreiches Mittel dabei herauskomme, müsse das Unternehmen auch Rendite machen können, um die Investitionen wieder hereinzuholen und Aktionäre zu belohnen.

Bei null Investitionskosten und 19,2 Milliarden Umsatz im Falle von Moderna werden die Sorgen der Pharmabranche allerdings von der US-Regierung offenbar nicht mehr geteilt. Schließlich haben die Firmen den Umsatz aus den bestehenden Verträgen sicher, unabhängig von der Frage, ob zukünftig auch andere ihren Impfstoff produzieren dürften.

Und einen weiteren wichtigen Fakt unterschlagen die Pharma-Vertreter zumeist: Ihre Unternehmen stehen erst am Ende einer langen Kette von Entwicklungsschritten hin zu einem Medikament oder einem Impfstoff. Die Grundlagenforschung, die das Produkt am Ende ermöglicht, wird öffentlich finanziert an Hochschulen betrieben.

Im Falle der mRNA-Impfstoffe waren es unter anderem französische Forscher, denen es Anfang der 90er-Jahre gelang, die mRNA als Boten genetischer Information Versuchsmäusen zu spritzen und damit in ihren Körpern Viren-Proteine nachzubilden. Das Immunsystem der Mäuse entwickelte Antikörper. Doch in jenen Jahren gelang es noch nicht, diese Erkenntnis in ein Impfprodukt umzuwandeln.

Dieser entscheidende Schritt vollzog sich erst 25 Jahre später, allerdings wiederum basierend auf vielen Zwischenergebnissen weiterer Forschender in den vergangenen zwei Jahrzehnten. So konnten Firmen wie Biontech, Moderna und Curevac, die alle drei erst in den 2000er-Jahren starteten, ihre Forschung auf breite Grundlagen aufbauen, für die sie keine oder wenig Lizenzgebühr zahlen.

Der US-Entwickler Moderna arbeitete für seinen Wirkstoff eng mit dem US-Gesundheitsinstitut NIH zusammen und erklärte schon 2020, seinen Anspruch auf Lizenzgebühren gar nicht geltend machen zu wollen. Dass dennoch nicht weltweit massenhaft Moderna-Impfstoff produziert wird, liegt daran, dass Produzenten weit mehr benötigen als die rechtliche Möglichkeit, ein Vakzin herzustellen. Allem voran: Tech-Transfer.

Warum sind nicht nur Patente wichtig?

Der Biontech-Impfstoff habe 280 Komponenten von 86 Zulieferern aus 19 Ländern, stellte eine Pfizer-Sprecherin in der "New York Times" dar. Um das zu verarbeiten, seien komplexe Spezialanlagen und ausgebildetes Personal notwendig. Lonza, der Schweizer Partner von Moderna, hat allerdings die anspruchsvolle Produktion übernommen, ohne zuvor Impfstoffe hergestellt zu haben. Die Produktion auf das mRNA-Vakzin umzustellen, war dann in relativ kurzer Zeit möglich. Nun jedoch gibt Lonza sein Wissen laut Ärzte ohne Grenzen nicht an Dritte weiter.

Auch der Umbau des Biontech-Werks in Marburg geschah in Rekordzeit - nach weniger als fünf Monaten konnte dort die Herstellung beginnen. "In Afrika hat eine Studie sieben Unternehmen lokalisiert, deren Ausstattung es ermöglichen würde, Produktionslinien für die Herstellung der Corona-Vakzine aufzubauen", sagt Lara Dovifat, Patentexpertin von Ärzte ohne Grenzen. Und auch die Weltgesundheitsorganisation sieht auf der ganzen Welt Ressourcen und Know-how, um die Impfstoffproduktion auf breitere Füße zu stellen. Für den nötigen Technologietransfer hat sie eine Plattform geschaltet, der Firmen zusammenbringen soll.

Anders als im Fall von Moderna setzt Pfizer durchaus auf seinen Patentschutz und bislang geben die WTO-Bestimmungen dem Pharmariesen Recht. Würde ein Staat im Alleingang eine Zwangslizenz erteilen, müsste er sich darauf einstellen, vom jeweils betroffenen Unternehmen verklagt zu werden, auf Grundlage der WTO-Richtlinien.

Um diese internationalen Copyright-Bestimmungen für die Impfstoffe außer Kraft zu setzen, bräuchte es die Zustimmung von mehr als 160 Ländern. Dabei haben die USA jedoch eine gewichtige Stimme. Offenbar haben sie sich entschieden, diese nun zugunsten der Länder einzusetzen, die dem Virus fast ohne Gegenwehr gegenüberstehen. Laut WHO wurden bis Mitte April weltweit 700 Millionen Dosen Impfstoffe gegen Corona ausgeliefert. Der Anteil, den davon arme Länder empfingen: 0,2 Prozent.

Quelle: ntv.de


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