82 Millionen Menschen sind aus ihrer Heimat vertrieben

  18 Juni 2021    Gelesen: 1198
82 Millionen Menschen sind aus ihrer Heimat vertrieben

Kriege, Dürren, wirtschaftliche Not in der Pandemie: Die Uno meldet ein neues Allzeithoch von Vertriebenen und Geflüchteten weltweit. Manche stecken seit Jahren fern der Heimat fest.

Im Jahr 2020 waren knapp 82,4 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Das geht aus dem neuen Bericht des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR hervor, der dem SPIEGEL vorab vorliegt. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Organisation von einem Rekordwert berichtet. Dieser wurde nun, trotz Pandemie und weltweit lange geschlossener Grenzen, noch einmal gebrochen.

Bis Dezember 2020 verließen laut dem Bericht 30,3 Millionen Menschen ihre Heimatländer. Hinzu kommen 48 Millionen Binnenvertriebene – Menschen also, die in ihren eigenen Ländern auf der Flucht sind. Vor allem durch die Krisen im Jemen, Äthiopien, dem Sudan, den Sahel-Ländern, Mosambik, Afghanistan und Kolumbien stieg die Zahl von Vertriebenen im eigenen Land um mehr als 2,3 Millionen. Die Zahl Asylsuchender blieb im Vergleich zu 2019 gleich: Sie liegt bei 4,1 Millionen.

Neben Kriegen und Konflikten waren es vor allem Hungersnöte, extreme Wetterbedingungen und Folgen der Klimakrise wie Dürre, Stürme oder Überschwemmungen, die Menschen veranlassten, ihre Heimat zu verlassen. Hinzu kommen wirtschaftliche Nöte durch die Pandemie, die an vielen Orten der Welt die Armut noch verschlimmerte. Oft, schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie, sei es eine Mischung aus diesen Faktoren, die Menschen dazu bringe, zu fliehen.

42 Millionen Kinder und Jugendliche auf der Flucht
»Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch, der aus seiner Heimat vertrieben wurde, und ein Schicksal von Flucht, Entwurzelung und Leid«, sagt Uno-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi, dessen Organisation seit mehr als 70 Jahren die Zahl von Flüchtlingen weltweit ermittelt.

Im Jahr 2010 zählte das UNHCR rund 40 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, inzwischen hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Besonders die Fälle von Binnenvertreibung haben durch die Kriege in Syrien, dem Südsudan und im Jemen drastisch zugenommen. »Die Frage ist nicht mehr, ob die Zahl der Vertriebenen 100 Millionen Menschen überschreiten wird – sondern wann«, schreiben die Autorinnen in dem Bericht.

Zuflucht gefunden
Länder, die die meisten Flüchtlinge aufgenommen haben 2020, in Mio.

Türkei - 3,7
Kolumbien - 1,7
Pakistan - 1,4
Uganda - 1,4
Deutschland - 1,2
Sudan - 1,0
Libanon - 0,9
Bangladesch - 0,9
Äthiopien - 0,8
Iran - 0,8

Der Berliner Migrationsforscher Gerald Knaus weist darauf hin, die 82 Millionen Flüchtlinge und Migranten aus dem UNHCR-Bericht müssten unbedingt eingeordnet werden. Bei den Millionen Flüchtenden seien unterschiedlichste Schicksale zusammengefasst. So zählten Nachfahren von palästinensischen Flüchtlingen, die längst als jordanische Staatsbürger in Jordanien leben, genauso darunter wie Rohingya, die aus Myanmar nach Bangladesch flüchteten oder Eritreer, die in Schweden als Flüchtlinge eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung haben.

»Wie der UNHCR über Geflüchteten-Zahlen spricht, spielt leider auch jenen in die Hände, die vor nicht existierenden Massenmigrationen warnen«, sagte Knaus dem SPIEGEL. Die Zahl der Menschen, die tatsächlich weltweit auf der Flucht sind, steige zwar, sie sei aber beherrschbar und läge bei rund 20 Millionen Menschen. Und die Hälfte dieser »neuen Flüchtlinge« sei heute bereits in der EU oder in der Türkei. »Gäbe es mehr Hilfe für Erstaufnahmeländer und mehr Resettlement von Flüchtlingen, wie vor vierzig Jahren, wäre diese Not zu lindern«, so Knaus.

UNHCR-Flüchtlingskommissar Grandi indes weist auf die hohe Zahl an Kindern und Jugendlichen hin, die auf der Flucht geboren werden oder unter ihr aufwachsen. 42 Prozent der Vertriebenen, fast die Hälfte, sind Mädchen und Jungen unter 18 Jahren. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk schätzt, dass fast eine Million Kinder zwischen 2018 und 2020 als Flüchtlinge geboren wurden. Die Mädchen und Jungen haben oft wenig Chancen, an einer Schule zu lernen, medizinisch ausreichend versorgt zu werden oder unter kindgerechten Bedingungen aufzuwachsen.

Viele bräuchten Traumatherapien, um Erlebtes zu verarbeiten. Die Organisation »Save the Children« etwa gab vor Kurzem bekannt, es gebe einen Anstieg an Suizidversuchen in den Flüchtlingscamps im Norden Syriens. Einer von fünf Fällen in der Statistik betreffe ein Kind.

spiegel


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