Trumps Angst vor deutschen Autos

  19 Juli 2018    Gelesen: 754
Trumps Angst vor deutschen Autos

Die Autoriesen bauen in Mexiko seit Jahren immer mehr Werke und überschwemmen den US-Markt. Firmenvertreter nehmen ab heute in Washington Stellung zu möglichen Schutzzöllen. Nicht nur Volkswagen ist alarmiert.

Rund 500 Meter südöstlich vom Weißen Haus, in der 1401 Constitution Avenue Northwest, wird heute und morgen eine entscheidende Frage diskutiert: Gefährden im Ausland gefertigte Autos und Autoteile die nationale Sicherheit der USA? Im US-Handelsministerium werden sich 45 Wirtschaftsvertreter zu dieser Frage öffentlich äußern. Von der Bewertung ihrer Aussagen hängt ein Stück weit die Zukunft der globalen Wirtschaft ab - und der deutschen Industrie in Nordamerika.

Der Handelskonflikt, den US-Präsident Donald Trump mit den Zöllen auf Stahl und Aluminium angezettelt hat, könnte trotz Freihandelsabkommen Nafta weiter eskalieren. Denn in den US-Handelsgesetzen gibt es ein Schlupfloch: Der Präsident darf ohne den Kongress Zölle in beliebiger Höhe einführen, wenn er die nationale Sicherheit gefährdet sieht. Die Anhörung im Handelsministerium soll Trump bei seinem Vorhaben, die Importe ausländischer Automobilkonzerne mit Zöllen in Höhe von 25 Prozent zu belasten, Rückendeckung geben.

Deutsche Autobauer, die von Mexiko aus in die USA liefern, wären davon direkt betroffen. Insofern bereiten die schwierigen Beziehungen zwischen Kanada, Mexiko und den USA den Firmen zurecht Sorgen. "Die Volkswagen-Gruppe hat bedeutende Langzeitinvestitionen in den Vereinigten Staaten getätigt und würde von Handelseinschränkungen beeinträchtigt", sagt Volkswagen Nordamerika n-tv.de. "Die möglichen eskalierenden Gegenmaßnahmen sind ein großes Risiko."

Und dieses Risiko steigt. Noch im Frühjahr gaben 63 Prozent der in Mexiko ansässigen Mitglieder der deutschen Außenhandelskammer zwar an, die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen seien die größte Gefahr für ihre Tätigkeit. Trotzdem überwog damals noch der Optimismus: Rund 39 Prozent erwarteten keine Veränderung ihrer Lage, 51 Prozent gingen sogar von einer Verbesserung aus. Die meisten deutschen Unternehmen wollten sogar zusätzliches Personal einstellen.

Das könnte jedoch schwierig werden. Mexiko hängt am Tropf des nördlichen Nachbarn. Mit satten 80 Prozent werden die meisten Exporte des Landes in die USA geliefert, der Großteil stammt dabei von ausländischen Unternehmen. "Wir sind in einer  schwierigen Situation", sagt Wirtschaftswissenschaftlerlin Claudia Maya López von der Universidad Nacional Autónoma de Mexico. Das Land sei wegen Nafta von ausländischen Konzernen und den USA abhängig geworden. "Die nationale Wirtschaft wurde vergessen, die Landwirtschaft vernachlässigt. Die ländlichen Gegenden sind leer." Zugleich gebe es eine Rückentwicklung der Lebensqualität.

Autos nach Norden, Mais nach Süden


Tatsächlich sind in Mexiko seit Beginn des nordamerikanischen Freihandelsabkommens 1994 vor allem die Reichen reicher geworden, die Armen sind arm geblieben: Der Besitz der Multimillionäre hat sich in den vergangenen 20 Jahren verfünffacht. Zugleich leben weiterhin rund 50 Prozent der Mexikaner unter der Armutsgrenze. In den USA leben 55 Millionen Mexikaner, die potenziell Geld nach Mexiko überweisen. Im Jahr 2015 flossen so 23 Milliarden Dollar in die Wirtschaft über die US-Südgrenze.

Auch Teile von Trumps Wählerschaft haben ein starkes Interesses daran, dass der grenzüberschreitende Austausch nicht schwieriger und teurer wird. Exemplarisch ist das Grundnahrungsmittel Mais. Die USA profitieren dabei zweifellos doppelt vom Nachbarland, die Widerstände gegen eine Entflechtung der beiden Volkswirtschaften sind deshalb auch unter manchen Trump-Anhängern stark. Die US-Landwirtschaft beschäftigt  günstige mexikanische Saisonarbeiter und verkauft die Ernte zugleich nach Süden. Weil die mexikanische Produktion sinkt, könnte das Land in diesem Jahr zum größten Maisimporteur der Welt werden. 98 Prozent der Einfuhren kamen in der ersten Jahreshälfte aus den USA.

Im Tausch für das Handelsabkommen Nafta und die Öffnung für den Freihandel hatten sich vergangene Präsidenten Mexikos ein Abkommen über freien Personen- und Warenverkehr nach Norden erhofft, auch bekannt unter dem Wunsch der "enchilada completa" - die sie aber nie bekamen. "Wir sind heute noch nicht mal bei einer Tortilla", sagt Wissenschaftler Juan Barrón von der Unam bitter. "Aber Trump war offenbar trotzdem nicht klar, wie eng die Beziehungen sind."

Die deutsche Wirtschaft hat an Trumps Angst vor dem erstarkenden Süden ihren Anteil. Wie die in Mexiko ansässige Industrie aufrüstet, ist auch an Exporten ins lateinamerikanische Land abzulesen - sie verdoppelten sich in den vergangenen zehn Jahren auf Güter im Wert von 12,9  Milliarden 2017. "Mexiko hat in den vergangenen 25 bis 30 Jahren einen enormen Wandel vollzogen und sich zu einer global relevanten Plattform für die verarbeitende Industrie entwickelt", sagt Johannes Hauser, Chef der deutschen Außenhandelskammer in Mexiko zu n-tv.de. "Deutsche Maschinen haben dabei eine große Rolle gespielt." Seit 1993 ist Hauser im Land, er hat die Entwicklung im Zeichen von Nafta also hautnah miterlebt. "In den letzten acht bis zehn Jahren gab es eine deutliche Zunahme von Neuinvestitionen gegeben, besonders im Automobilbereich."

Geringer Marktanteil, neue Werke


Deutsche Firmen beschäftigen in Mexiko 150.000 Menschen, die größten Arbeitgeber sind die der Autoindustrie und ihrer Zulieferer: Bei Continental sind es 22.000 Mitarbeiter, bei Bosch 16.000, bei Volkswagen 15.000. Doch Mexiko ist nicht nur ein wichtiger, sondern auch ein schnell wachsender Standort für die Aktivitäten in Nordamerika. Volkswagen hat zuletzt eine Milliarde Dollar in den Ausbau seines Werks in Puebla gesteckt. Audi produziert seit 2016 ebenfalls im Land, noch in diesem  Jahr soll ein Mercedes-Werk in Aguascalientes mit der Produktion von Pkw beginnen. BMW plant in San Luis Potosí den Start für 2019.

Im ersten Quartal 2018 betrug der Gesamtanteil deutscher Autobauer am benachbarten US-Markt nur 7,7 Prozent. Doch der derzeitige Ausbau der Produktion und größere Fertigung auf dem Kontinent  könnten zu niedrigeren Preisen in den USA führen - und damit zu größerer und härterer Konkurrenz für die von dort stammenden und produzierenden Hersteller. Insgesamt liegt der Anteil importierter Autos auf dem US-Markt bei über als 25 Prozent.

Angesichts der wachsenden Konkurrenz aus dem Süden will Trump - wie schon bei den Stahl- und Aluminiumzöllen - mit seiner Neuverhandlung von Nafta und den angestrebten Abgaben auf importierte Autos einen Teil seiner Wählerklientel schützen: Arbeiter im Rostgürtel, die für die US-Autobauer wie General Motors und Ford tätig sind. Auch könnte er darauf spekulieren, dass Hersteller in Mexiko eine Verlagerung ihrer Produktion in die USA erwägen, um mögliche Handelsschranken zu umgehen.

Doch US-Hersteller leiden wohl gar nicht unter der wachsenden mexikanischen Industrie und den Importen von dort. Im vergangenen Jahr verkauften sie 17,2 Millionen Autos in den USA, die vierthöchste Zahl jemals. Seit 2009 hat die Branche dort 343.000 Jobs geschaffen. General Motors, der größte US-Hersteller, sprach sich gegenüber Trumps Regierung gegen die Einfuhrzölle aus, da sie Jobs vernichten könnten. Zölle auf importierte Autoteile würden auch die Kosten für einheimische Fertigungen erhöhen.

Sind also die Importe eine Bedrohung der nationalen Sicherheit? Alles deutet darauf hin, dass die von Trump angedrohten Zölle auf Autos bloßes Druckmittel sind, um die Neuverhandlungen von Nafta in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken. Entscheidend ist nun, wie das US-Handelsministerium dazu steht. Die Entscheidung wird im Herbst fallen.

Quelle: n-tv.de


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