Als die deutsche Industrie vor Adolf Hitler warnte

  12 April 2019    Gelesen: 378
  Als die deutsche Industrie vor Adolf Hitler warnte

Vor 100 Jahren wurde in Berlin der erste Dachverband der deutschen Industrie gegründet. Wieviel Einfluss hat sein Nachfolger BDI auf die Politik?

Nein, einen Stasi-Spion hat es vor der Wiedervereinigung in den Reihen des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) nicht gegeben. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR hielt den BDI zwar für die „zentrale Schaltstelle des Finanzkapitalismus“ in Westdeutschland, wie der Historiker Christopher Kopper nun erklärte. Doch in den Hinterlassenschaften der Stasi, die viele andere wichtigen Organisationen der Bundesrepublik infiltriert hatte, fand sich kein Hinweis auf einen MfS-Agenten, der Interna aus dem damals westdeutschen Dachverband verraten hätte.

Die DDR-Spione waren und sind nicht die einzigen Beobachter, die den Interessenvertretern der deutschen Industrie eine fast unheimliche Macht zuschreiben. Doch von solchen Dämonisierungen bleibt wenig übrig in dem Buch, das Kopper und sein Historikerkollege Johannes Bähr über den BDI und seine Vorläuferorganisation Reichsverband der deutschen Industrie (RDI) geschrieben haben. Der Band „Industrie, Politik, Gesellschaft. Der BDI und seine Vorgänger 1919 – 1990“ wurde am Donnerstag von BDI-Präsident Dieter Kempf und den Autoren vorgestellt – einen Tag vor dem 100. Jubiläum des Gründungsdatums. Die Autoren waren nicht vom BDI, sondern von der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte ausgesucht worden und arbeiteten, wie sie betonten, unabhängig.

Am 12. April 1919 war der erste Dachverband der gesamten deutschen Industrie in einem Hotel Unter den Linden gegründet worden. Im Kaiserreich hatte es zwei rivalisierende Verbände gegeben. Doch die Industrie musste darauf reagieren, dass sie es nach der Revolution von 1918 nun mit einer parlamentarischen Demokratie zu tun hatte. Anders als viele Schwerindustrielle bekannten sich der erste RDI-Chef Carl Duisberg, ein Chemieindustrieller, und das geschäftsführende Präsidiumsmitglied Ludwig Kastl zur Weimarer Verfassung und zur Reparationspolitik. Mit der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik der Reichsregierungen lag der RDI aber über Kreuz.

Nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise unterstützte der Spitzenverband die Deflationspolitik des Reichskanzlers Heinrich Brüning, der mit Notverordnungen Haushaltskürzungen, Lohn- und Preissenkungen diktierte. Doch die RDI-Spitze, so arbeiteten die Historiker es heraus, strebte keine Diktatur an und lehnten später eine Regierungsbeteiligung der NSDAP ab. Noch am 28. Januar 1933 warnte sie Reichspräsident Hindenburg vor einer Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Doch Hindenburg hörte bekanntlich nicht auf den Verband.

Nach der NS-Machtergreifung war das Verhalten des RDI aber „weniger rühmlich“, wie Historiker Bähr urteilte. Zwar trugen der Verband und seine Nachfolgeorganisationen keine unmittelbare Verantwortung für Kriegsverbrechen. Doch die RDI-Spitze beugte sich, als von der NSDAP die Entlassung jüdischer Mitarbeiter angeordnet wurde und kooperierte bei der Überführung des RDI in den im Juni 1933 gegründeten Reichsstand der Deutschen Industrie (später in Reichsgruppe Industrie umbenannt).

Die zu selbstständigen Entscheidungen nicht mehr fähige Reichsgruppe sei „Teil des NS-Systems“ gewesen, sagte BDI-Chef Kempf am Donnerstag. Vier Jahre nach Kriegsende wurde 1949, im Entstehungsjahr der Bundesrepublik, der BDI gegründet. Eine personelle Kontinuität zur NS-Zeit gab es anders als etwa im Justizsystem und in vielen Ministerien nicht – dafür hätten die Alliierten keine Genehmigungen erteilt. Ideelle Kontinuitäten aber gab es. „Ich bin bedrückt, dass es an einer klaren Distanzierung zur eigenen Geschichte in der NS-Zeit gefehlt hat“, räumte der Verbandspräsident ein: „Dies war ein schweres Versäumnis.“

Währen die Mitgliedsverbände des RDI untereinander über die Haltung zur Weimarer Republik gestritten hatten, stand der neue BDI geschlossen loyal zum Grundgesetz und zur Westintegration der Bundesrepublik, wie Kopper betonte. Bemerkenswert ist, dass der Verband noch in den 1950er Jahren mit der Sozialen Marktwirtschaft stark fremdelte. Vor allem dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen von 1958 standen seine Vertreter kritisch gegenüber, weil sie kartellfreundliche Grundpositionen vertraten. Das Urteil des heutigen BDI-Präsidenten lautete: „Es kostete einiges an Überzeugungsarbeit, den BDI für die Soziale Marktwirtschaft zu gewinnen – kaum zu glauben aus heutiger Sicht.“

Der erste Präsident des neuen Verbandes, Fritz Berg, tönte zwar gegenüber dem „Spiegel“, er könne jeden Gesetzentwurf von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard durch Intervention beim Kanzler verhindern. Der Industrielle gehörte zum Küchenkabinett Konrad Adenauers. Doch 1961 erlitt er eine Niederlage, die ein großes Medienecho fand: Er scheiterte mit dem Versuch, durch seinen Einfluss auf den Kanzler die Aufwertung der Mark zu verhindern, von der er Schaden für den Export befürchtete. Fortan konzentrierte sich der BDI auf anerkannte Formen der Interessenvertretung, suchte zunehmend die Öffentlichkeit.

Früh übrigens gehörte der Verband zu den Protagonisten einer wirtschaftlichen und politischen Vereinigung Europas, warb seit der Gründung der EWG 1957 für dieses Ziel. Seit Anfang der 70er Jahre strebte er eine politische Union mit einer europäischen Exekutive und einer Währungs- und Wirtschaftsunion an, die mit Maastricht 1992 dann realisiert wurde.

Bleibt die Frage nach der Durchgriffsmacht des BDI in der Politik. Historiker Bähr kam zu diesem Urteil: Alle Befunde des Buches zeigten, dass Wirtschaftsverbände vor allem durch Heterogenität gekennzeichnet seien. Der Glaube, der BDI stelle ein zentrales Steuerungsorgan des deutschen Industriekapitals dar, sei „zwar weit verbreitet, aber barer Unsinn“. Da mochte auch Verbandspräsident Kempf nicht widersprechen.

t-online


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