Vom Sockel geholt

  21 November 2019    Gelesen: 669
Vom Sockel geholt

Sie gelten noch heute als Idole: Eine Ausstellung in Berlin widmet sich Wilhelm und Alexander von Humboldt - und stellt die Brüder in ihrer sonst so gerne übergangenen Widersprüchlichkeit da.

Berlin, das Deutsche Historische Museum. Gestern wurden noch Schilder aufgehängt, Leitern gerückt. Noch nicht alle Deckenstrahler leuchteten, doch die meisten warfen ihr Licht bereits auf die berühmten Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, zumindest auf ausgewählte Objekte, die an sie und ihre Epoche erinnern: beispielsweise auf Bücher, wie sie die beiden als Kinder und Jugendliche im späten 18. Jahrhundert lasen, darunter etwa der Roman "Die Entdeckung von Amerika". Zu sehen sind auch Gänsekielfedern, Landkarten, Briefe, unbeholfene Tierskizzen, Winkelmessgeräte, eine Totenmaske. Nur auf den ersten Blick wirkt vieles harmlos.

Am Mittwochabend eröffnet das Museum eine Ausstellung über die beiden alten Preußen, Anlässe gibt es genug. Der Geburtstag Alexander von Humboldts jährte sich im September zum 250. Mal. Außerdem spricht alle Welt übers noch immer nicht bezugsfertige Berliner Stadtschloss - dort soll sich nächstes Jahr das "Humboldt Forum" einquartieren.

Für die Schau am Ende dieses Humboldt-Jahres berief das Museum zwei selbstbewusste Gastkuratoren. Die (wegen ihrer Kritik am Humboldt Forum) längst weltbekannte Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und ihr Kollege David Blankenstein nähern sich den Brüdern auf ungewohnte Art: Sie stellen die Idole in ihrer sonst gerne übergangenen Widersprüchlichkeit dar.

Allein diese Perspektivverschiebung von der Bewunderung zur Betrachtung wird für Diskussionen sorgen. Dabei wollen die Kuratoren nicht provozieren, wie sie klarstellen, sondern einfach ihrem wissenschaftlichen Ethos folgen und keine "Meistererzählungen" übernehmen.

Oft wird der Eindruck erweckt, diese distinguierten Herren - so aufgeklärt, so idealistisch, so neugierig - passten besser in unsere Zeit. In der Ausstellung werden sie erst einmal wieder zu Menschen ihrer Epoche. Dort plumpst der Besucher (nur scheinbar sanft) ins späte 18. und ins frühe bis mittlere 19. Jahrhundert. Er kann, wenn er die entsprechenden Knöpfe drückt, sogar Gerüche verströmen lassen, wie man sie vor 200 Jahren hätte riechen können. Darunter schweres Parfüm, auch Lüfte wie unter Tage sowie der schwefelige Duft, der über einem Vulkankrater einzuatmen war und ist - wenn man sich wie der Fernreisende Alexander von Humboldt in die Nähe eines solchen Schlundes traut.

Die beiden Brüder führten außergewöhnliche Leben. Möglich war ihnen das auch wegen ihrer Privilegien. Ein ausgestelltes Matrikelbuch der Universität Göttingen schlüsselt auf, wer welche Gebühren entrichten musste: Reiche Studenten wie Alexander von Humboldt zahlten viel, durften dafür aber auch besser sitzen als ärmere Kommilitonen. So bringen einen die Objekte zum Nachdenken: über Begriffe wie Elite, über Vorteile, über vermeintliche Vorbilder.

Jede Epoche, das ist eine These der Ausstellungsmacher, suche sich die Helden, die sie brauche. Aber warum bewundern wir diese? Und müssen sie nach der Schau als deutsche Idole abdanken?

Womöglich kommt bei einigen Besuchern zumindest die Überlegung auf, ob der wirklich legendäre Naturforscher und Amerikareisende Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) die moderne Wissenschaft mitbegründet - oder sie vielmehr in den Abgrund gezogen hat: Etwa wenn sie jenes Statement lesen, das sich auf die Plünderung einer Grabstätte im Orinocogebiet durch Alexander von Humboldt bezieht.

Savoy und Blankenstein vermerken mitten in der Ausstellung, was sie von dieser Auffassung von Wissenschaft halten: "Die Suche nach systematischen Erkenntnissen über den Menschen, wie sie in Europa betrieben wurde und auf deren Befunde sich Rassisten bis heute berufen, nahm die Verletzung von Menschenwürde, lokalen Traditionen und spirituellen Zusammenhängen in Kauf." Auch dass noch heute menschliche Überreste in europäischen Sammlungen zu finden seien, zeuge von einer "Idee von Wissenschaft, die wir heute aufs Schärfste ablehnen".

Und wofür steht sein Bruder, der Gelehrte, Diplomat und Bildungsbeamte Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835)? Erst einmal nur für Gutes. Heute nennt man ihn einen Reformer, einen Modernisierer. Wie kaum ein anderer im alten Preußen setzte er sich etwa für die Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger ein.

Kritisierende Germanistin als Nestbeschmutzerin angegriffen

Im Katalog heißt es nun, die vielen Briefe, die sich Wilhelm und seine Frau Caroline schickten, seien Zeugnis davon, "wie dramatisch sich persönliche Verhältnisse und Beziehungen mit der Zeit verändern können, denn der in jungen Jahren gepflegte Nonkonformismus der Berliner Elite darf nicht über unterschwellige oder neu entstehende Ressentiments hinwegtäuschen, etwa die Caroline und Wilhelm von Humboldts gegenüber ihren jüdischen Mitmenschen".

Laut Humboldt besaßen diese Mitmenschen "unerwünschte Qualitäten", die es zu unterdrücken gelte. Eine andere Äußerung: "Ich liebe die Juden eigentlich auch nur en masse, en détail gehe ich ihnen sehr aus dem Wege." En detail nannte er einen jüdischen Bankier "roh", "ungebildet". Eine alte Freundin galt ihm dann als berechnende Judenmamsell, so kommt es im Beitrag der Literaturwissenschaftlerin Liliane Weissberg für den Katalog vor.

Der heikle Aspekt wird überhaupt fast nur in den Textbeiträgen behandelt. Dort hätte Humboldts Einstellung zum Jüdischen noch ausführlicher, noch präziser skizziert werden können. Die in den USA lehrende deutsche Germanistin Barbara Hahn (die im Katalog nicht genannt wird) schrieb bereits vor Jahren, dass unter Wilhelm von Humboldts liberal wirkender Haltung "etwas wuchert, das moderne Gesellschaften zerfressen und im 20. Jahrhundert mörderische Konsequenzen haben wird. Nennen wir es ruhig beim Namen: Antisemitismus".

Als Hahn vor einigen Jahren in Berlin einen Vortrag hielt und heikle Äußerungen Wilhelm von Humboldts und seiner Frau Caroline erwähnte (für die "die Juden" ein "Flecken der Menschheit" waren), wurde sie als Nestbeschmutzerin angegriffen. Der Antisemitismus passte nicht ins Humboldt-Bild.

Zwei Porträts am Ende des Ausstellungsrundgangs zeigen, wie sich die Brüder selbst gerne präsentierten: als denkmalhafte Gestalten, die man nicht infrage stellt. Eine letzte Texttafel fordert dagegen: "Mehr Licht."

spiegel


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