So verkraftet Deutschland die Coronakrise

  02 April 2020    Gelesen: 158
  So verkraftet Deutschland die Coronakrise

Die Corona-Pandemie verändert das Leben der Deutschen. Ein Forscherteam untersucht die Folgen und liefert Zahlen darüber, wie sie sich auf den Alltag der Menschen auswirkt - und welche Einschränkungen akzeptiert werden.

Wie läuft der Alltag im Ausnahmezustand und welche Probleme verursacht etwa Heimarbeit? Daten zu den Folgen der Coronakrise sind rar, selbst über die Ausbreitung der durch das Virus ausgelösten Krankheit fehlt es noch an zuverlässigen Informationen. Bei Fragen nach Akzeptanz und Auswirkungen der Einschränkungen sind bislang oft nur diejenigen zu hören, die sich laut beklagen.

Die Mannheimer Datenwissenschaftlerin Annelies Blom und ihr Team wollen das ändern - und zeichnen mit ihrer bevölkerungsrepräsentativen Corona-Studie ein umfassendes Bild davon, wie die Deutschen auf die Pandemie reagieren und welche Konsequenzen das Virus für ihren Alltag hat.

Mehr als die Hälfte der Deutschen geht demnach trotz Hype ums Homeoffice regelmäßig weiter an den Arbeitsplatz. Ausgesprochen viele Menschen akzeptieren die Absage von Fußballspielen und anderen Events. Doch beim Verständnis für die Corona-Maßnahmen gibt es auch Grenzen. Doch dazu später mehr.

Forscher wollen Informationen für Entscheider liefern
Um die Ergebnisse einordnen zu können, muss man zunächst verstehen, wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs "Politische Ökonomie von Reformen" an der Universität Mannheim arbeiten. Sie greifen auf ihr aussagekräftiges German Internet Panel (GIP) zurück und befragen täglich Hunderte der insgesamt mehr als 4000 GIP-Teilnehmer zu ihrem Umgang mit der Krise.

Im Zentrum der Arbeit steht dabei weniger eine mögliche umfassende Publikation in einigen Jahren; die Experten veröffentlichen stattdessen jeden Werktag einen Bericht über den Puls der Gesellschaft zu Corona-Zeiten. Auf Theorien oder Vorkenntnisse aus anderen Studien können sie in diesem Fall kaum zurückgreifen - denn dafür, was solch eine Situation mit einer Gesellschaft macht, gibt es keine Blaupause.

"Wir versuchen, Entscheidungsträgern Informationen zu geben, damit diese stichhaltig handeln können", sagt Forscherin Blom, die das Projekt leitet. Erste Ergebnisse liegen bereits vor - und der Umgang der Deutschen mit der Krise schwankt demnach.

Zum Beispiel beim Thema "Treffen mit Freunden": Den Mannheimer Forschern zufolge ändert sich die Häufigkeit, mit der sich Menschen noch mit Freunden oder Arbeitskollegen treffen, täglich. War es vor den Corona-Maßnahmen nur jeder sechste, der sich innerhalb einer Woche nicht mindestens ein Mal mit anderen getroffen hat, gaben zuletzt 69 Prozent an, dass sie diese Kontakte komplett eingestellt hätten. Von Woche zu Woche wurden es mehr. Blom: "Es ist einerseits schön, dass die Menschen die Vorgaben beachten, doch als Sozialforscherin macht mir das auch etwas Sorge, denn solch eine Quarantäne-Situation kann negative Folgen für die seelische und körperliche Gesundheit haben."

Das interdisziplinäre Forscherteam aus Datenwissenschaftlern, Volkswirten, Soziologen und Politologen bildet mit seinen Berichten ab, was bei den Menschen zu Hause los ist. "Daran schließen sich viele Fragen an: Wie geht es etwa finanziell und psychisch denjenigen, die jetzt in Kurzarbeit sind, die freigestellt sind, im Supermarkt längere Schichten als früher leisten oder Homeoffice machen und noch Kinder betreuen müssen", erklärt Blom.

Antworten auf diese Fragen soll es nach und nach geben, manche Veränderungen des Arbeitsalltags können die Wissenschaftler jedoch schon zu Beginn der Corona-Maßnahmen messen. So haben sie etwa festgestellt, dass überraschend viele Menschen noch bei ihrem Arbeitgeber vor Ort arbeiten, Angestellte genauso wie Selbstständige: Der Anteil derjenigen, die im Homeoffice sind, liegt derzeit nur bei etwas mehr als 21 Prozent. "Wir sehen aber auch, dass Menschen mit Kindern diese jetzt zu 89 Prozent im eigenen Haushalt betreuen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist auf diese Weise nicht ganz trivial."

Um schnelle aber dennoch zuverlässige Ergebnisse zu bekommen, haben die Forscher ihre Stichprobe in acht Teile gegliedert - wobei sieben Teile an je einem der sieben Wochentage befragt werden. Der achte Teil soll als Kontrollgruppe dienen. "Wir erheben jeden Tag neue Daten und werten diese gleich am darauf folgenden Werktag aus", sagt Blom. Die Professorin und ihr Team arbeiten dabei selbst aus dem Homeoffice. Im Schnitt beteiligen sich täglich rund 500 Menschen an der Studie.

Annelies Blom ist zuversichtlich, mit ihrem Team so auch auf einige knifflige Fragen in den nächsten Tagen und Wochen Antworten liefern zu können. Schwierig wird es für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beispielsweise, wenn sie etwa Details zu den Abstandsregeln herausfinden wollen, die in den einzelnen Bundesländern gelten. Denn bei Fragen nach diesen Regeln dürften viele Menschen eine "erwünschte Antwort" im Kopf haben und eventuell nicht völlig unbefangen antworten.

Ausgangsverbote halten viele für unangemessen
Fernab vom Einzelfall äußern überraschend viele Menschen Verständnis für die aktuellen Einschnitte durch den Staat. Doch es gibt Unterschiede: Während bestimmte Maßnahmen wie das Veranstaltungsverbot sehr hohe Zustimmungswerte erhalten, ist das bei einer Ausgangssperre, die es bislang noch nicht flächendeckend gibt, anders. "Lediglich 41 Prozent der Bevölkerung hält sie bislang für angemessen", sagt Blom - trotz der Gefährlichkeit des Virus. "Das könnte sich aber auch durch die tatsächliche Einführung der Maßnahme ändern. Wenn also entschieden würde, dass eine allgemeine Ausgangssperre notwendig ist, könnte die Bevölkerung ihre Meinung dazu ändern und diese dann für angemessen halten."

Allein an der Angst in der Bevölkerung vor dem Virus dürfte das zumindest nicht liegen. Denn die ist den Forschern zufolge seit Beginn der Krise bislang nicht größer geworden. Einschränkend räumt Datenwissenschaftlerin Blom jedoch ein: "Hier fehlt es an einem Vergleich zu der Zeit vor Corona." In ihren künftigen Befragungen wollen die Forscher unter anderem noch ermitteln, ob etwa Risikogruppen nun mehr Angst vor der Krankheit haben.

spiegel


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