Warum das Virus Bolsonaro helfen könnte

  09 Juli 2020    Gelesen: 240
Warum das Virus Bolsonaro helfen könnte

Nun hat es Bolsonaro selbst erwischt: Fieber, Müdigkeit, Unwohlsein, doch Brasiliens Präsident nimmt es betont locker - bislang. Bleibt das so, dann könnte er von seiner Infektion sogar profitieren. Denn andere, massive Probleme kratzen an seinem Image.

Er hält die weiße Pille in die Kamera, wirft sie ein und spült mit einem Schluck Wasser nach. "Ich vertraue auf Hydroxychloroquin", erklärt Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, derzeit einer der bekanntesten Covid-19-Kranken der Welt. Grinsend lehnt er sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Es ist seine dritte Dosis. Am Tag zuvor hatte er vor Reportern zugeben müssen, dass die Nacht nicht angenehm war, er sei oft aufgewacht. Eine weitere Tablette hätte aber für Abhilfe gesorgt. Die anfänglichen Beschwerden wie Müdigkeit, Unwohlsein und Fieber - Bolsonaro spielt sie gekonnt herunter.

Dabei hätte das laut eigener Einschätzung gar nicht passieren dürfen - war der 65-Jährige doch während seiner Militärzeit im Fünfkampf erfolgreich. "Durch meine Vergangenheit als Athlet müsste ich mir im Fall einer Infektion keine Sorgen machen", erklärte der Staatschef schon vor Wochen. "Ich würde gar nichts spüren. Es würde sein wie eine kleine Grippe oder Erkältung." Der Präsident spielte die Tödlichkeit des Virus noch herunter, als die öffentlichen Krankenhäuser Alarm schlugen und Kamerateams mit Hubschraubern über die riesigen Areale von Massengräbern flogen, die man hastig für die vielen Toten aushob. Mancherorts kollabierte das öffentliche Gesundheitssystem derart, dass Personal fehlte, um die Leichen der im Krankenhaus Verstorbenen aus den Betten zu holen.

"Es ist egal, wie viele Tote es gibt"

Inmitten des landesweiten Elends und der Fallzahlen, die trotz weniger Tests bald die Millionenmarke überschritten, ließ sich Bolsonaro schließlich darauf ein, die Bedrohung durch das Virus zumindest nicht mehr abzustreiten. Die hohen Zahlen möchte er indes ungern in der Öffentlichkeit sehen. So sorgte er dafür, dass seit Anfang Juni die täglichen Werte erst am späten Abend präsentiert werden. Das war ein Kompromiss - ursprünglich hatte der Staatschef versucht, die Veröffentlichung der Fall- und Opferzahlen ganz abzuschaffen. Es sei egal, so seine Begründung, "wie viele Tote es gibt".

Schutzmaßnahmen, Abstand halten, Maske tragen - aus Bolsonaros Sicht nicht notwendig. Ein Gericht musste den Präsidenten Ende Juni per Strafandrohung von umgerechnet 340 Euro dazu verpflichten, in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen.

Doch selbst jetzt, als Infizierter und damit ansteckend, lässt Bolsonaro die Journalisten zurücktreten, damit er sich den Mundschutz vor laufender Kamera wieder abnehmen kann. Ganz der Alte - ist die Botschaft hinter der Aktion. Und es ist noch lange nicht entschieden, ob es dem Ansehen des Präsidenten schaden muss, dass er nun selbst von der Krankheit heimgesucht wird, vor der er die brasilianische Bevölkerung nicht schützen wollte.

Zum einen kommt es Bolsonaro gerade zupass, dass durch den Fokus auf seinen Gesundheitszustand die Betrugsvorwürfe gegen seine Familie etwas in den Hintergrund geraten. Erst im Juni hatte die Polizei den Fahrer des Präsidentensohnes Flávio verhaftet. Der Ex-Polizist und langjährige Freund der Familie steht unter anderem im Verdacht, Bolsonaro Junior nicht nur chauffiert, sondern auch Geld aus dem öffentlichen Haushalt auf dessen Privatkonto geschaufelt zu haben. Untreue und Korruption sind in der brasilianischen Politik nichts Ungewöhnliches. Doch hatte Vater Jair mit der Ankündigung, genau diesen Klüngel bekämpfen zu wollen, 2018 viele Wählerstimmen geholt.

Die Verhaftung mit dem Handy gefilmt

Daher, und weil bei der Verhaftung des Bolsonaro-Vertrauten im Morgengrauen auf einem schicken Anwesen nahe São Paulo jemand seine Handy-Kamera mitfilmen ließ, verfolgen die Brasilianer den Fortgang der Ermittlungen mit sehr großem Interesse. Dass das schicke Anwesen einem von Bolsonaros Anwälten gehört, hilft auch nicht gerade dabei, den Präsidenten aus der Sache herauszuhalten. In den Meinungsumfragen hat er noch rund ein Drittel der Brasilianer hinter sich. Die Stichwahl zum Präsidenten vor zwei Jahren gewann er mit 55 Prozent.

Zum anderen läuft es auf Regierungsebene seit längerer Zeit nicht gerade rund für Bolsonaro. Zwei Gesundheitsminister hat er in der Pandemie bereits verschlissen, der Bildungsminister schmiss unlängst hin. Im Kongress fehlt ihm eine Regierungsmehrheit, was ihn in der Durchsetzung seiner Vorhaben immer wieder behindert.

Und dann hat auch der Präsident selbst noch ein Verfahren am Laufen - er soll den Chef der Bundespolizei ausgetauscht haben, um Korruptions-Ermittlungen gegen seine Söhne zu verhindern. Ihnen wird eine Verbindung zu Milizen nachgesagt. Jede Art der Ablenkung von der aktuellen politischen Lage kann Bolsonaro darum durchaus helfen - und sei es die Frage, ob er wieder Fieber hat oder nur noch erhöhte Temperatur. Wenn es ihm gelänge, die nächsten 14 Tage tatsächlich so zu überstehen, als hätte er nichts weiter als eine leichte Erkältung, dann wäre er selbst für seine abwiegelnden Theorien in Zukunft die beste Bestätigung.

Quelle: ntv.de


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