Mit Tempo S in den Frühling

  20 März 2020    Gelesen: 376
  Mit Tempo S in den Frühling

Um Sprösslinge von Weizen oder Linsen selbst zu ziehen, ist es zu spät. Aber Katzengras oder ein Kistchen Kresse genügt, um jetzt würdig ins Frühjahr zu starten.

Um Sprösslinge von Weizen oder Linsen selbst heranzuziehen, ist es jetzt zu spät. Doch in unseren nach wie vor gut bestückten Supermärkten (von Toilettenpapier einmal abgesehen) sind Kresse-Kistchen erhältlich, und will man auf persische Art in den Frühling starten, geht es nicht ohne das muntere, lebendige Grünzeug. Dieses Mal fällt Nouruz, auch Nowruz, Novruz, Navruz, Nooruz, Nevruz oder Nauryz (und es gibt noch weitere Schreibweisen), auf Freitag, den 20. März, an dem rund 300 Millionen Menschen weltweit einer gut 3000 Jahre alten Tradition folgen und ihr Neujahrsfest mit bestimmten Riten feiern.

Seit 2016 gehört dieses Fest zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco, die im gleichen Jahr noch Dutzende weitere Traditionen auf ihre Schutzliste setzte, darunter die belgische Bierkultur, Rumba in Kuba, Fladenbrot, Merengue-Tanz, handgewebte Wandteppiche, Falknerei, die drei Alphabete der georgischen Handschrift und Yoga. Deshalb beruhigt mich die Vorstellung, dass man im Falle einer vorsorglich verordneten Heimquarantäne – wenn der Verdacht einer Coronavirus-Infektion besteht oder mit einem milden Verlauf gar bestätigt ist – auf die Unesco-Liste zurückgreifen könnte, sollte zum Frühlingsanfang zu Hause Langeweile drohen. Solange die Lunge frei ist und kein Fieber brennt, sind meditative Sonnengrüße vermutlich besser als Dauer-Streaming. Und auch im Homeoffice sind Pausen nötigt, ein bisschen Bewegung zwischendurch macht kreativ.

Natürlich müsste ich mich vorher mit all den nötigen „S“-Dingen ausrüsten, um Nowrouz gebührend zu feiern, denn „Haft Sin“ ist das Gebot für die Festtafel und würde mich von jedem Verdacht eines Hamsterkaufs befreien. Statt Klopapier, Pasta, Tomaten in Dosen und ein Parmesanlaib stünden auf meiner Einkaufsliste Sib, also gesunde Äpfel, Sir – Knoblauch zum Schutz und Sumach für den Geschmack des Lebens. Nicht zu vergessen das Sprossengrün, Sabzeh, und der Freundschaft zuliebe würde ich wohl den Duft von Hyazinthen, Sonbol, ertragen, aber auf Goldfische im Wasserglas verzichten und alternativ auch keine Bitterorangen schwimmen lassen. Allerdings ziehe ich Wein dem Essig im Sinne von Reife, Geduld und Fröhlichkeit vor, und Ölweide dürfte schwer aufzutreiben sein, geschweige denn deren Früchte. Das zum Glück fehlende „S“ müssten Münzen, ein Spiegel oder Kerzen ausgleichen, nebst Pistazien, Datteln und anderem Trockenobst. Zudem könnte man Gedichte rezitieren, und bei der Gedankenspielerei, die Jahr für Jahr ergänzte Unesco-Liste einmal als Aufforderung zu lesen – wann tanzt man sonst Rumba oder versucht sich an Yufka? –, reizt mich der Versuch, Sumach als Gewürz auszuprobieren, nicht nur aus Solidarität mit den schon mehr als 18.000 Coronavirus-Infizierten in Iran.

Säuerlich frisch, mit Mango und Pistazie verwandt

Als säuerlich, frisch und fruchtig wird der Geschmack beschrieben, und es wäre hübsch zum Frühlingsbeginn, sich so mit Tempo S kulinarisch mit einer Pflanzenfamilie zu beschäftigen, den Anacardiaceae, zu denen jene Gewächse gehören, die uns Mango, Marula, Pistazie, Cashew sowie „rosa Pfeffer“ liefern. Die lassen sich hier schlecht im mitteldeutschen Balkonkasten ziehen, doch als Ziergehölz wurde der Essigbaum, Rhus typhina, Anfang des 17. Jahrhunderts aus Nordamerika nach Europa eingeführt und breitet sich seither in Parks und Vorgärten aus. Dass sich aus den Früchten eine „Indian Lemonade“ mit viel Vitamin C herstellen lässt, dürfte eine Legende oder in Vergessenheit geraten sein. Sumach, das orientalische Gewürz, jedoch stammt von Rhus coriaria. Mischt man es mit Sesam, Thymian oder verwandten Kräutern, Salz und vielleicht Koriander, ergibt das Zatar – und das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

faz.net


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