Flüchtlinge in Zypern - Das Schlupfloch

  29 Juni 2020    Gelesen: 571
Flüchtlinge in Zypern - Das Schlupfloch

Kein Land in der EU nimmt pro Kopf mehr Asylbewerber auf als Zypern. Die Flüchtlingszahlen steigen, die geteilte Insel ist überfordert. Die grüne Grenze zu schließen, ist trotzdem keine Option.

In einem dunkelblauen Minibus rast Cedrick Awah durch die Nacht, er sitzt in der letzten Reihe, vor ihm ein Dutzend Männer aus Kamerun und Nigeria. Alle wollen an diesem Mittwochabend im Frühjahr 2020 nach Palaichori. Das Dorf liegt in den Bergen Zyperns, hat knapp tausend Einwohner, einen Kiosk und eine Kirche. Nur Ausländer gab es bisher eher nicht.

Doch nun kommt Cedrick Awah, 26 Jahre alt, geflohen aus Kamerun, gläubiger Christ und Automechaniker.

Der Busfahrer stoppt abrupt. "Das ist es", sagt Cedrick Awah, ein Lächeln blitzt über sein Gesicht. Die Sonne ist längst untergegangen, links und rechts lassen sich steinerne Häuser erahnen. Nur im Kiosk brennt noch Licht.

Palaichori soll Awahs neue Heimat werden. Jedenfalls, wenn es nach ihm geht. Die Frage ist, ob die Menschen von Palaichori das genauso sehen. Der Kameruner ist einer von 50 Asylbewerbern, die neuerdings im Dorf leben.

13.259 Flüchtlinge und Migranten baten 2019 in der Republik Zypern um Asyl. Pro Kopf ist das mit Abstand die höchste Quote in der Europäischen Union. In diesem Jahr könnten es unter Umständen noch mehr werden. 3,8 Prozent der zyprischen Bevölkerung sind inzwischen Asylbewerber oder anerkannte Flüchtlinge. Auf die Bevölkerung Deutschlands hochgerechnet, entspräche das gut drei Millionen Menschen.
Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, als Hunderttausende über Griechenland nach Norden zogen, galt Zypern unter Migranten noch als vergleichsweise unattraktiv. Es gehört nicht zum Schengenraum. Von der Insel schaffen es nur wenige anerkannte Flüchtlinge aufs europäische Festland.

Doch dann schloss die EU mit der Türkei einen Pakt, um Flüchtende von den griechischen Inseln fernzuhalten. Parallel machte die EU die Balkanroute dicht. Inzwischen schlägt Griechenland Flüchtlinge an der Grenze zur Türkei brutal zurück.

Fast überall in Europa sind die Flüchtlingszahlen in den vergangenen Jahren stark gesunken, in Zypern hingegen hat sich die Zahl der Asylbewerber seit 2016 vervierfacht. Die Insel ist eines der Schlupflöcher entlang der abgeschotteten europäischen Grenzen. 

Aus europäischer Sicht sind die absoluten Zahlen in Zypern kaum der Rede wert. Die 850.000 Inselbewohner aber stellen sie vor eine Herausforderung. Das zyprische Asylsystem operiert am Rande des Zusammenbruchs, Bewerber müssen jahrelang auf eine Entscheidung warten. Im Zentrum der Hauptstadt bilden sich lange Schlangen vor den Räumen der NGOs. Die Behörden versorgen die Migranten oft unzureichend. Ein Teil der Bevölkerung fühlt sich überfordert - und verlangt mehr Kontrolle.

In vielen anderen Ländern Europas, besonders im Süden des Kontinents, würden Grenzschützer deshalb Stacheldrahtzäune errichten, doch in Zypern geht das nicht. Der Weg von Cedrick Awah zeigt, warum.

Awah hat sich bewusst für Zypern entschieden. Er kommt aus dem Süden Kameruns, wo Separatisten seit Jahren gegen die Regierung kämpfen. Er habe Angst gehabt, dass die Rebellen ihn zum Kriegsdienst zwingen würden. In Zypern, sagte ihm eine Freundin, wäre er schnell in Sicherheit. Also buchte Awah einen Flug nach Ankara, von dort flog er weiter zum Flughafen Ercan im Norden der geteilten Insel, ein Visum benötigte er nicht.

Der Flughafen liegt nördlich der Hauptstadt Nikosia. Nicht weit von hier verläuft eine Grenze, die keine sein darf. An der sogenannten Green Line patrouillieren Uno-Soldaten, sie sollen den Frieden sichern. Der Norden der Insel ist von der Türkei besetzt, seit das türkische Militär dort 1974 einmarschierte. Diese "Türkische Republik Nordzypern" wird nur von der Türkei anerkannt.

Die Republik Zypern im Süden, wo vor allem griechische Zyprer leben, ist dagegen EU-Mitglied. Für sie gehört der Norden der Insel selbstverständlich zu ihrem Staat. Mit den dortigen Behörden arbeiten sie nicht zusammen. Kaum jemand im Süden käme auf die Idee, aus der Green Line eine echte Grenze zu machen.

Als Cedrick Awah ankam, wusste er das alles nicht. Die Freundin hatte ihm erklärt, dass er vom Flughafen in den Süden laufen müsse, also schnürte er seine Wanderschuhe, wartete bis die Sonne unterging, und marschierte los. Awah erinnert sich noch an die dunklen Felder, über die er lief. Er habe Angst gehabt, also begann er zu rennen, so schnell und so lange er konnte. Bis er schließlich Menschen gesehen habe. Einen Grenzschützer traf er nicht.

Es ist wohl nirgends so einfach wie in Zypern, in die EU zu gelangen. Die meisten Asylbewerber kommen aus dem Norden der Insel in die Republik Zypern. Hier, nur hundert Kilometer von der syrischen Küste entfernt, gibt es kaum Zäune und keine Grenzschützer, die Migranten brutal zurückschlagen.

Laut Umfragen halten jedoch inzwischen fast zwei Drittel der griechischen Zyprer Migration für das größte Problem des Landes. Nur in Malta ist der Wert innerhalb der EU höher.

Viele glauben, dass die Türkei gezielt Migranten in den Norden schickt und an der Grenze ein Auge zudrückt. Der Mann, der diese Stimmung schürt, heißt Nicos Nouris; er ist der zyprische Innenminister. Nouris macht Ankara Vorwürfe. Präsident Recep Tayyip Erdoğan wolle die demografische Zusammensetzung des Landes verändern, sagt er. Die Republik streitet mit der Türkei auch um Gasvorkommen im Mittelmeer. Wie in Athen fürchtet man in Nikosia, Opfer einer türkischen Erpressung zu werden.

Im Konflikt mit dem Norden haben viele Bewohner der Insel selbst erlebt, was es heißt, die Heimat verlassen zu müssen. Nun jedoch steigen die Flüchtlingszahlen, die Stimmung dreht sich. "Wir sind äußerst besorgt über die immer fremdenfeindlichere Haltung", sagt Katja Saha, Vertreterin des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Zypern. In einem Ort patrouillierten zeitweise Bürgerwehren.

Die Regierung will nun die Asylverfahren verkürzen und weniger ausländische Studenten ins Land lassen. Sie hat neu ankommende Flüchtlinge bereits in ein Lager gesperrt, in dem die Geflüchteten zuvor nur wenige Tage bleiben mussten. Nouris sagt, er wolle die Zahl der Migranten im Land drastisch reduzieren.

Der Innenminister möchte auch die Kontrollen an der Green Line verstärken. Aber selbst er, der den Großteil der Flüchtenden für Wirtschaftsmigranten hält, sagt: Die Green Line könne man nicht dicht machen. Die Wiedervereinigung ist für seine Regierung oberste Staatsräson.

Es kann noch lange dauern, bis Zypern ein Asylsystem aufbaut, das reibungslos funktioniert. Vor ein paar Monaten arbeiteten im zuständigen Asylamt nur neun Beamte, die über Anträge entschieden. Bald werden es 45 sein.

Andreas Georgiadis überprüft die Entscheidungen seiner Kolleginnen und Kollegen. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich rote Akten, 20.000 Asylanträge hat seine Behörde noch gar nicht bearbeitet. "Ich habe hier einst angefangen, um Menschen zu helfen", sagt er. "Heute fühle ich mich, als würde ich nicht genug tun."

Täglich steigt der Bedarf an Kleidung und Unterkünften. Der Staat ist überfordert. Auch einen Plan, wie man die Menschen integrieren will, gibt es nicht. Die Grenze kann die Regierung nicht dicht machen, dafür achtet sie peinlich genau darauf, Migranten keine zusätzlichen Anreize zur Einreise zu bieten.

Cedrick Awah spürt das jeden Tag. So sei die Situation eben, sagt er, als er die Straße in Palaichori hinaufstapft. "Immerhin sind wir am Leben."

14 Stufen führen zu Awahs Unterkunft hinauf. Im Wohnzimmer stehen zwei Sofas, daneben eine offene, heruntergekommene Küche, der Schimmel hat die einst weiße Wand dunkel verfärbt. Hier wohnt Awah mit neun anderen Kamerunern und Nigerianern. Sein Zimmer teilt er sich mit zwei Männern. Der Staat zahlt Asylbewerbern für die Dauer ihres Verfahrens nur 100 Euro im Monat. Das Geld geht direkt an die Wohnungsbesitzer. Zusätzlich erhält Awah noch 70 Euro. Damit soll er die Heizung, das Internet und alles andere bezahlen.

Cedrick Awah ist ein umtriebiger Mann, jeden Morgen steht er um vier Uhr auf um nimmt den ersten Bus nach Nikosia, um nach einem Job zu suchen. Meistens steht Awah während der Fahrt. Er hat die Erfahrung gemacht, dass die Einheimischen nicht gern neben ihm sitzen. Corona habe den Rassismus nur noch schlimmer gemacht. Bisweilen werde er angeschaut, als ob er das Virus persönlich eingeschleppt hätte, erzählt er. 

Awah darf in Zypern nicht als Mechaniker arbeiten; jedenfalls nicht, solange sein Asylantrag läuft. Die Regierung verbietet es. Awah könnte auf dem Feld schuften oder als Müllmann. Auch das würde er tun, sagt er, aber bisher hat sich noch nichts gefunden, seit Monaten geht das schon so.

Cedrick Awah betet jeden Tag dafür, dass sein Asylantrag endlich angenommen wird. Er würde dann vielleicht einen Job finden, er müsste dann nicht mehr in einem verschimmelten Haus wohnen, vielleicht hätte er ein eigenes Zimmer. Eines Tages, so sagt er, würde er vielleicht sogar eine Firma gründen und reich werden.

Wirklich wahrscheinlich aber ist all das nicht. Ein Großteil der Asylanträge wird von den Behörden abgelehnt. Awah bekäme im Falle einer Ablehnung umgehend ein Schreiben, das seine Abschiebung ankündigt, er hätte dann nur vier Wochen, um den Bescheid zu verstehen und vor Gericht Einspruch zu erheben.

Das UNHCR ist besorgt, dass das neue Gesetz mit seinen strengen Fristen Asylbewerbern den Zugang zu einem Rechtsbeistand erschweren könnte. Die Migranten hätten oft keinen Zugang zu einem Anwalt. Ohne einen solchen sei es schwierig, die Entscheidung der Behörden zu verstehen und innerhalb weniger Tage in einer fremden Sprache einen Richter zu überzeugen.

Später am Abend hockt Cedrick Awah mit seinen zwei Mitbewohnern im Kulturzentrum des Dorfs. Theophilos Miltiadis, der Bürgermeister des Dorfs, hat sich neben ihn gesetzt. Die Männer diskutieren, es geht um die Flüchtlinge. "Warum kommen die zu uns?", hätten die Dorfbewohner zunächst gefragt, erzählt Miltiadis. Besser sei es erst, seitdem er den Nörglern gesagt habe, sie sollten die Klappe halten.

Awah hört höflich zu, es ist schon spät, als es aus ihm herausbricht. Herr Bürgermeister, fragt er, "warum lässt Zypern uns nicht eigene Unternehmen aufbauen?" Viele Geflüchtete brächten doch wertvolle Ideen ins Land.

Die Sache mit den Jobs sei kompliziert, antwortet Miltiadis. "Ihr müsst euch das Vertrauen hier erst erarbeiten." Cedrick Awah nickt, wirklich zufrieden wirkt er nicht, aber jetzt muss er leider gehen. In ein paar Stunden geht sein Bus nach Nikosia.

spiegel


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