Im besten WM-Finale aller Zeiten triumphiert der Fußball

  19 Dezember 2022    Gelesen: 1422
  Im besten WM-Finale aller Zeiten triumphiert der Fußball

Football, bloody hell. Das Finale der WM 2022 schwingt sich zum besten Spiel aller Zeiten empor. Auf den steilen Tribünen des Lusail ist die Spannung kaum auszuhalten. Das unwirkliche Duell zwischen Argentinien und Frankreich kennt am Ende nicht nur einen Sieger.

Die "beste WM aller Zeiten" hat ihr bestes Finale aller Zeiten. Argentinien gewinnt nach 36 Jahren wieder den goldenen Pokal. Sie entthronen Frankreich in einem Jahrhundertfinale mit 4:2 im Elfmeterschießen. Nach 120 unglaublichen Minuten steht es 3:3, in den letzten Sekunden der Verlängerung haben beide Teams die größten Möglichkeiten. Erst scheitert der Frankfurter Kolo Muani an Emiliano Martinez, im Gegenzug vergibt Lautaro Martinez. Im Elfmeterschießen vergibt unter anderem der Münchener Kingsley Coman. Lionel Messi jubelt. Aber erst, nachdem ihm der Emir von Katar in eine Bischt hüllt.

"Das Spiel war einfach nur verrückt", sagt Weltmeistertrainer Lionel Scaloni nach dem Spiel: "Wir haben nicht aufgegeben. Wir wollten gewinnen." Sein Gegenüber Didier Deschamps sagt: "Im Fußball ist alles möglich, du kannst innerhalb eines Wimpernschlags alles verändern. Beinahe ist uns das gelungen." Es sind Worte, die nicht annähernd wiedergeben können, was in den mehr als 120 Minuten im WM-Finale passiert ist. Zu viele Geschichten erzählt dieses unglaubliche Spiel, bei dem sich eine ganze Welt wieder in den Fußball verliebt. Es ist eine Partie, von der noch Generationen schwärmen werden, die auf ewig weiterleben wird und über die in den nächsten Jahrzehnten Bücher geschrieben und Netflix-Dokus erscheinen werden. Ikonische Tore, große Dramen, unglaubliche Wendungen sehen die Zuschauer im Lusail Iconic Stadium.

Das Final-Stadion schließt mit diesem letzten Spiel der Weltmeisterschaft für immer seine Tore. Wohl nie wieder werden die steilen Tribünen der goldenen Schüssel des Lusails voller Leben sein. Das Stadion in der kargen Wüstenlandschaft im Norden Dohas wird für immer ein Mythos bleiben. Es wird in der Erinnerung der argentinischen Fans bleiben, die noch lange, lange, lange nach dem Abpfiff ihre Lieder sangen und ihre eigenen Erinnerungen schufen. Es ist das eingetreten, was sich Katar und die FIFA erhofft haben. Dieses Spiel wird für immer bleiben und es wird für immer mit diesem Ort in Verbindung gebracht werden.

Das Lusail erzählt, wie Frankreich aus der Hölle emporschnellt

Das Lusail ist jetzt der Ort, an dem Lionel Messi endgültig in das Pantheon der Fußballgötter emporsteigt und an dem sein Nachfolger, Kylian Mbappé, laut polternd um Einlass bietet. Noch wird ihm das verwehrt. Er steht am Ende allein auf dem funkelnden Siegerpodest und präsentiert mit gequältem Lächeln einen Goldenen Schuh. "Es war die WM der Rekorde. Viele Spieler haben Rekorde gebrochen, und Kylian hat dem Finale seinen Stempel aufgedrückt, aber nicht so, wie er sich das erhofft hat", sagt sein Trainer Deschamps mitfühlend.

Das Lusail bringt an diesem 18. Dezember die große Erzählung dieser Weltmeisterschaft zu einem glücklichen Ende. Lionel Messi entscheidet den letzten Kampf der Fußballgötter um den Titel "Der Größte aller Zeiten" bei der ersten WM seit Diego Maradonas Tod für sich. Mit ihm gewinnt das nach einem Titel lechzende Argentinien. Das Lusail erzählt aber auch von der Magie des Spiels, das Menschen auf der ganzen Welt zusammenbringt und kollektive Erinnerungen schafft.

Erinnerungen daran, wie Kylian Mbappé und seine Franzosen in einem Wimpernschlag aus der Hölle emporschnellen und nach den Sternen greifen. Erinnerungen daran, wie sich Argentinien, die seit den ersten Minuten des Spiels der sichere Gewinner dieser WM sind, wie so oft in kollektive Panik ausbrechen. Mit zitternden Pässen schleppen sie sich in die Verlängerung, tanken Kraft, gehen in Führung. Dann stehen sie doch fast erneut mit leeren Händen da. Wie in den Finales 1990 und 2014, die beide gegen Deutschland verloren gehen.

Ungebremster Fall in die Tiefe

Der Fußball hat in diesem Jahrhundertfinale mit aller Macht gegen all die Totengräber des Spiels rebelliert. Mit den einfachsten Mitteln und den besten Spielern des Turniers. Lionel Messi und Kylian Mbappé glänzten auf der größten Bühne, doch sie konnten das nur, weil neben ihnen zu jedem Zeitpunkt zehn Spieler standen, die alles für ihren Traum geben wollten.

Erst taumelt Frankreich. Sie finden überhaupt nicht statt. Der Weltmeister von 2018 ist wie gelähmt und das schon lange vor dem zweifelhaften Elfmeter zum 1:0 für Argentinien. Die Rückkehr von Angel Di Maria hat sie überrumpelt. Zu keiner Sekunde findet die Mannschaft von Deschamps findet ein Mittel gegen den Altmeister, der gegen Ousmane Dembélé einen Elfmeter rausholt und am Ende der sensationellen Kombination zum 2:0 den Ball ins lange Eck legt. Die Franzosen eilen hinterher, aber der Ball wandert so schnell durch die Reihen der Argentinier. Hechelnd schlagen die Franzosen um Aurelien Tchouameni kurz hinter der Kugel im Netz ein. Dann lähmt sie der Schock und die Körperlichkeit und Aggressivität ihres Gegners wirft sie um. Immer spritzt ein Alexis McAllister in den Pass, immer stemmt sich ein Bein von Nicolas Otamendi in Richtung Ball.

Lange ist der Drahtseilakt der Franzosen bei diesem Turnier gutgegangen. Gegen England gelingt es ihnen noch, einen Stolperer aufzufangen, gegen Marokko überstehen sie den Angriff der Klimaanlagen Katars. Die setzen Dayot Upamecano und Adrien Rabiot außer Gefecht. Beide sind zum Finale wieder fit. Sie stürzen mit in die Tiefe. Sie fallen ungebremst und sie fallen immer tiefer. Unter ihnen gehen die Höllentore auf. Deschamps steht verzweifelt an der Seitenlinie, wechselt noch vor der Pause. Er bringt den Frankfurter Randal Kolo Muani und Marcus Thuram für Olivier Giroud und Dembele. Der Ex-Borusse sieht kein Land gegen Di Maria, Mac Allister, Nicolas Tagliafico und Enzo Fernandez. Es sind schlichtweg zu viele Spieler für ihn.

"Von den Toten zurückgekommen"

Aber auch in den ersten 20 Minuten der zweiten Halbzeit ändert sich nichts. Di Maria flankt den Ball in der 49. Minute über die Abwehr, auf der anderen Seite schmeißt Rodrigo De Paul alles in den Schuss. Aber Hugo Lloris pariert. Ganz langsam, so, dass es niemand bemerkt, kippt das Spiel.

Erst verlässt Di Maria das Feld, dann Antoine Griezmann und Theo Hernandez. Der nächste Doppelwechsel. Da sind 71. Minuten gespielt und Kolo Mouani bereitet Argentinien Sorgen. Über das, was dann passiert, wird Frankreichs Trainer Deschamps später "wir sind von den Toten zurückgekommen" sagen.

In ihnen kriecht die Panik hoch. Zweimal schon haben sie im Lusail zwei schnelle Tore in der zweiten Halbzeit kassiert. Es ist ihnen unmöglich, auf Veränderungen in der Dynamik zu reagieren. Zweimal trifft Mbappé. Einmal verwandelt er vom Punkt. Shooting-Star Kolo Muani wird vorher gefoult. Und einmal trifft er unwiderstehlich per Volleyschuss, nachdem Coman dem müden Messi den Ball raubt, der über den Gladbacher Thuram und Adrien Rabiot den Weg zu Mbappé findet.

Diego schaut von oben herab

"Ich bin durch alle Emotionen gegangen heute", sagt Deschamps, dessen Mannschaft jetzt wie der sichere Sieger aussieht. Doch dann wieder eine Auswechslung, wieder eine neue Dynamik. Für den erschöpften Julian Alvarez, für die Spinne, die schon lange keine Beine mehr hat, kommt Lautaro Martinez und zieht das Spiel wieder auf die Seite Argentiniens. Dann trifft Messi und dann wieder Mbappé und es ist nicht mehr auszuhalten. Das Spiel, das nie zu Ende gehen darf, geht ins Elfmeterschießen. Als Gonzalo Montiel zum 4:2 trifft, brechen alle Dämme.

"Die Finals, die wir verloren haben. Wie viele Jahre habe ich sie beweint. Aber das ist vorbei, da wir im Maracanã im Finale gegen die Brasilianer wieder gewonnen haben", singen die Fans der Himmelblauen. "Muchachos. Jetzt haben wir wieder Hoffnung. Ich will den dritten Titel gewinnen. Ich will Weltmeister sein. Diego sehen wir im Firmament, wie er von dort mit (Diegos Eltern) Lionel anfeuert." Sie stehen unter den Tribünen des Lusails, sie tanzen auf den Straßen von Buenos Aires. Diego schaut von oben herab und Argentinien ist Weltmeister. Die Zeit der Tränen ist vorbei.

Was ist Fußball? Ein Schatten, der nie vergeht. Der sich über alles legt, was mit ihm in Berührung kommt, für den Menschen über Leichen gehen. Denn der Fußball versprüht sein süßes Gift. Der Fußball ist ein Spiel, das auf Bolzplätzen und in gold-glitzernden Stadien gespielt wird. Es ist ein Märchen, das die Welt vergessen lässt. Es ist ein Spiel, das alles bedeutet. Und dieses Spiel fand im Lusail, dem Stadion, das nie mehr sein wird, seine Krönung. So ein Finale wird es nie wieder geben. Der Fußball ist unzerstörbar und das macht ihn so gefährlich, wenn er in den falschen Händen ist.

Quelle: ntv.de


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