Alle Daten, alle Fakten zum Coronavirus

  12 März 2020    Gelesen: 858
  Alle Daten, alle Fakten zum Coronavirus

Der Kampf gegen das Coronavirus ist noch nicht überstanden: Ein Höhepunkt der Ansteckungswelle ist nicht in Sicht. In Deutschland steigt die Zahl der erkannten Sars-CoV-2-Infektionen weiter an. Wie sieht die aktuelle Lage aus?

Die ansteckende Lungenkrankheit Covid-19, verursacht von dem Erreger Sars-CoV-2 breitet sich in Europa, den USA und dem Rest der Welt weiter aus. Während die Menge der gemeldeten Neuinfektionen in China bereits zurückgehen, rücken in Deutschland neben dem allgemeinen Bevölkerungsschutz und der Epidemie-Abwehr zunehmend auch die konjunkturellen Folgen des Virenausbruchs in den Vordergrund.

Dazu kommen die neuen Reisebeschränkungen: US-Präsident Donald Trump hat überraschend ebenso energische wie fragwürdige Maßnahmen zur Eindämmung der Virus-Epidemie angekündigt. Die US-Behörden sollen ab diesem Freitag einem Großteil der Europäer für die Dauer von 30 Tagen die Einreise in die Vereinigten Staaten verwehren. Großbritannien bleibt ausgenommen. Fragwürdig wirkt die Entscheidung, da selbst US-Experten davon ausgehen, dass es bereits seit Wochen innerhalb der USA zu Ansteckungen mit dem Erreger kommt.

In Großbritannien sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums derzeit 456 Coronavirus-Infektionen bestätigt. Die Zahl der Todesfälle liegt bei sieben. In den USA konnten bislang erst 1312 bestätigte Infektionsfälle nachgewiesen werden. Allerdings, sagen Experten, wurden dort auch bislang sehr viel weniger Personen getestet als etwa in Staaten wie Südkorea oder Großbritannien. Die Zahl der Virus-Todesfälle in den USA liegt bei 38.

In China wurden zuletzt lediglich 15 neue Infektionen gemeldet. Am Dienstag waren es 24 Fälle. Die Zahl der Coronavirus-Fälle innerhalb der Volksrepublik stieg auf 80.796. Die überwiegende Mehrheit davon hat die Krankheit allerdings bereits überstanden: Die Zahl der Geheilten liegt in China bei 62.800. Insgesamt 3169 Menschen kamen in China während des Ausbruchs durch Covid-19 zu Tode.

Südkorea verzeichnete zuletzt 114 neue Coronavirus-Infektionen. Damit stieg die Zahl der Erkrankungen in dem nach China am stärksten betroffenen asiatischen Land auf 7869 Fälle. Weltweit liegt Südkorea in der Rangfolge allerdings auf Platz 4 hinter Italien und dem Iran. Dort stiegen die Gesamtzahlen der nachgewiesenen Infektionen auf 12.462 in Italien beziehungsweise rund 9000 im Iran.

In Deutschland sehen die aktuellen Fallzahlen so aus: Bundesweit stieg die Zahl der laborbestätigten Coronavirus-Infektionen zuletzt auf 1899. Aktuell infiziert sind 1877 Personen. Drei Covid-19 Patienten überlebten die Erkrankung nicht. In 19 Fällen konnten Patienten bereits als vollständig geheilt und nicht mehr ansteckend entlassen werden.

Die 16 Bundesländer sind von Ansteckungen mit dem Erreger Sars-CoV-2 weiterhin in sehr unterschiedlichen Ausmaßen betroffen: Die mit Abstand meisten Fälle sind mit insgesamt 801 bisher bekannten Infektionen in Nordrhein-Westfalen aufgetreten, wo auch der besonders schwer getroffene Kreis Heinsberg liegt. Bayern zählt insgesamt 366 Fälle, in Baden-Württemberg sind es 277, in Berlin 90 und in Niedersachsen 78.

Mitte der Woche erreichte das Coronavirus auch den Parlamentsbetrieb in der deutschen Hauptstadt: Die FDP-Fraktion im Bundestag bestätigte am Abend die Infektion eines Abgeordneten. Die Mitarbeiter des infizierten Politikers hätten sich freiwillig in häusliche Quarantäne begeben, erklärte ein Fraktionssprecher. Derzeit würden weitere Kontaktpersonen identifiziert. Dies sei angesichts der vielen Treffen und Absprachen im Parlamentsbetrieb "nicht so leicht".

Gemeinsam mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und den parlamentarischen Geschäftsführern sei vereinbart worden, dass die Bundestagssitzungen in der Woche ab dem 23. März "nach derzeitigem Stand planmäßig" stattfinden sollen, jedoch werde in der laufenden Woche "auf namentliche Abstimmungen verzichtet", teilte die Unionsfraktion mit. Zudem sei den Abgeordneten empfohlen worden, von zu Hause und nicht wie gewohnt in den Bundestagseinrichtungen zu arbeiten, um eine mögliche Ausbreitung des Virus zu verhindern, hieß es weiter.

In Sachsen-Anhalt, wo die Behörden erst am Dienstag erste Coronavirus-Infektionen melden mussten, liegt die Zahl der Erkrankten aktuell bei 10. Das Bundesland ist damit weiterhin die am schwächsten betroffene Region innerhalb Deutschlands.

Dass die Zahl der Geheilten in Deutschland derzeit noch kaum ansteigt, hat nachvollziehbare Gründe: Da Erkrankte erst nach Ablauf einer mindestens 14-tägigen Frist und mehreren negativ verlaufenen Virentests als vollständig geheilt gelten, bewegt sich diese Kennziffer in der Statistik derzeit noch sehr viel langsamer an als die Zahl der neu entdeckten Infektionen.

Bislang kann das deutsche Gesundheitssystem die zusätzlichen Belastungen durch die Coronavirus-Fälle - trotz der zuletzt deutlich steigenden Fallzahlen - gut bewältigen. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte in einer viel beachteten Pressekonferenz zur Wochenmitte, dass Deutschland "alles tun" werde, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen und die Auswirkung auf die Wirtschaft zu dämpfen.

Zusammen mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn versicherte sie, dass die Deutschland entschlossen agieren werde. Bund, Länder und Kommunen dürften sich dabei aber keine Verantwortungen gegenseitig zuschieben. "Wir werden alles Nötige tun als Land – und das noch im europäischen Verbund", betonte Merkel.

Experten rechnen ungeachtet dessen mit einer weiterhin starken Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland. "Wir werden auch viele schwere Krankheitsverläufe sehen", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Spahn und Merkel. "Natürlich werden bei uns auch mehr Menschen sterben." Es handele sich um ein "pandemisches Virus", mit dem sich insgesamt voraussichtlich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren werde.

"Was wir nicht wissen, ist, in welcher Geschwindigkeit dies geschieht", betonte Wieler. Wenn die Ausbreitung langsamer vor sich gehe, stiegen die Chance auf einen Impfstoff oder Therapeutika. Zudem bleibe Zahl der Betroffenen niedriger. "Das Virus verbreitet sich nicht wie eine Welle, sondern in bestimmten Regionen", betonte er. Als besonders gefährdet gelten nach wie vor bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie etwa Ältere oder Menschen mit Vorerkrankungen.

Die im Vergleich zu Italien niedrigen Infektionszahlen und Sterbefälle führte Wieler darauf zurück, dass in Deutschland die Ärzte von vornherein "sehr systematisch" aufgerufen worden seien, Menschen zu testen. Dies habe es ermöglicht, in einer frühen Phase in die beginnende Epidemie hineinzuschauen. "Es gibt Länder in Europa, die sind schon weiter in der Epidemie", fügte er hinzu.

Das Tempo der Virus-Ausbreitung werde "maßgeblich darüber entscheiden, wie gut wir im Gesundheitssystem damit umgehen können", betonte Gesundheitsminister Jens Spahn. In Deutschland gibt es laut Bundesgesundheitsministerium 28.000 Intensivbetten, etwa 25.000 davon mit Beatmungsmöglichkeit. Das sei bezogen auf die Bevölkerung "die beste Ausstattung in ganz Europa", betonte er. Trotzdem könne es auch hier zu Engpässen kommen, wenn gleichzeitig viele Infizierte zu behandeln seien.

Vor diesem Hintergrund setzt Deutschland weiter vor allem auf Maßnahmen der bisher verfolgten Eindämmungsstrategie. Größere Massenveranstaltungen werden abgesagt, Sportveranstaltungen wie etwa auch Spiele der Fußball-Bundesliga finden vor leeren Zuschauerrängen statt. Kanzlerin Merkel stimmte die Bürger bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz mit Wieler und Spahn darauf ein, dass die Ausmaße der Coronavirus-Krise noch nicht abzusehen seien.

Unbekannt ist Merkels Angaben zum Beispiel noch, was für Immunitäten in der Bevölkerung aufgebaut werden. "Wir wissen nicht richtig: Wie temperaturabhängig ist die Infektionsrate?", fügte sie hinzu. Im Vergleich zur Finanzkrise 2008 gelte: "Wir müssen mit viel mehr Unbekannten agieren, deshalb ist die Situation schon noch eine andere."

Zugleich mahnte die Kanzlerin: "Aber wie in allen solchen Krisensituationen ist Besonnenheit und Entschlossenheit richtig." Wichtig seien Liquiditätszusagen etwa an kleine und mittlere Unternehmen.

Merkel kündigte für Ende der Woche größere Weichenstellungen an: An diesem Freitag würden Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier bekannt geben, ob und wie solche Finanzhilfen noch einmal verstärkt würden. Etwa mit Hotels und Gaststätten seien auch andere Bereiche betroffen als in der Finanzkrise. Das Wirtschaftsleben sei fragil, betonte Merkel. Dies abzusichern "kann nur durch Koordinierung und internationales Handeln erfolgen".

Bundesgesundheitsminister Spahn hatte die zuständigen Behörden in den Ländern am Wochenende dazu aufgerufen, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern vorsorglich zu untersagen. Mehrere Bundesländer sind dieser Empfehlung mittlerweile nachgekommen. Oberstes Ziel ist es demnach weiterhin, die Ausbreitung des Erregers der neuen Lungenerkrankung Covid-19 zu verlangsamen. "Denn je langsamer sich das Virus verbreitet", erklärte Spahn, "desto besser kann unser Gesundheitssystem damit umgehen."

Bei der überwiegenden Zahl der Neuinfektionen scheint es den Medizinern vor Ort zu gelingen, eine weitere Übertragung des Virus auf größere Personengruppen zu verhindern.

Dazu werden Verdachtsfälle frühzeitig isoliert und getestet, um anschließend alle fraglichen Kontaktpersonen aus deren Umfeld zu ermitteln. Diese müssen sich dann in der Regel bis zur Vorlage der eigenen Testergebnisse ebenfalls in häusliche Quarantäne begeben - auch wenn sie selbst noch keine Symptome zeigen sollten.

Unter Hochdruck arbeiten Virologen und Epidemie-Experten unterdessen daran, gesicherte Informationen zu gewinnen, um das Virus und die davon ausgehenden Gesundheitsgefahren besser zu verstehen. In weltweiten Kooperationen wird zudem an Medikamenten zur Behandlung und auch an möglichen Ansätzen für künftige Impfstoffe geforscht.

Als gesichert gilt bislang, dass die Erkrankung in vielen Fällen milde verläuft. Gefährdet sind bisherigen Erkenntnissen vor allem ältere oder bereits durch Vorerkrankungen geschwächte Patienten. Den Daten des Robert-Koch-Instituts zufolge handelt es sich zudem bei etwas mehr als der Hälfte aller deutschen Coronavirus-Patienten um Männer (54 Prozent).

Betroffen sind demnach vor allem die beiden Altersgruppen der 15- bis 34-Jährigen und der 35- bis 59-Jährigen, aus denen derzeit die Masse der deutschen Covid-19-Fälle stammt. Lediglich drei der bislang bekannten Coronavirus-Fälle in Deutschland verliefen bisher tödlich. Aus Ägypten hatten die Behörden bereits am Wochenende den Tod eines an Covid-19 erkrankten deutschen Staatsbürgers gemeldet.

Rund zehn Wochen nach Beginn der Coronavirus-Epidemie in der zentralchinesischen Millionenmetropole Wuhan liegen die Schwerpunkte des Infektionsgeschehens in Deutschland weiterhin vor allem im Süden und Westen des Landes. Damit bleiben die drei bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstärksten Bundesländer weiterhin am stärksten von der Ansteckungswelle betroffen.

Zentral erfasst werden die Epidemie-Daten aus Deutschland beim Robert-Koch-Institut. Die aktuellen Fallzahlen aus China und den übrigen Teilen der Welt verzeichnet unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO. Auch das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), eine Agentur der EU, sowie das US-Pendant CDC bieten Überblicke zur Verbreitung des neuen Coronavirus.

Aufgrund der unterschiedlichen Meldewege und verschiedenen Aktualisierungsraten kann es in den Quellen mitunter zu abweichenden Angaben kommen. Das RKI selbst spricht in diesem Zusammenhang von einer "sehr dynamischen Situation". ntv.de orientiert sich grundsätzlich an den geprüften Zahlen der WHO, des ECDC, des RKI sowie an den Angaben der zuständigen Landesbehörden.

Insgesamt gilt: Die Daten liefern lediglich Anhaltspunkte zur Orientierung. Das gesamte Ausmaß des Ansteckungsgeschehens wird sich erst im Nachhinein abschätzen lassen. Wie hoch etwa die Dunkelziffer bislang unentdeckter Infektionen in den einzelnen Ländern oder Regionen angesetzt werden muss, hängt sehr stark davon ab, wie viele Personen dort bereits getestet wurden. Belastbare Schätzungen dazu liegen derzeit nicht vor.

Auch die Angaben zur Letalitätsrate - die hier stark vereinfacht als Verhältnis der Virus-Toten zur Gesamtzahl der Infizierten wiedergegeben wird - sind damit noch vorläufig und können sich im weiteren Verlauf der Entwicklung noch nach oben oder unten bewegen. Das Science Media Center (SMC) in Köln bietet dazu ein ausfühliches Factsheet mit Hinweisen zur Letalitätsberechnung.

Mediziner raten ohnehin zur generellen Vorsorge - unabhängig vom individuellen Risiko. Wer die gängigen Hygieneratschläge beachte, heißt es, könne sich die gleichermaßen vor einer Ansteckung mit der Grippe, dem Coronavirus und nahezu allen anderen ansteckenden Viren-Infektionen schützen.

Dazu zählen Gesundheitsexperten vor allem einfache Maßnahmen, die ohne aufwendige Desinfektionsmittel auskommen: Schon das regelmäßige Händewaschen und die sogenannte Husten- und Nies-Etikette, betonten die zuständigen Stellen, können das generelle Ansteckungsrisiko erheblich verringern.

Nach Ansicht des Berliner Virologen Christian Drosten von der Charité sollte das Robert-Koch-Institut die Quarantäne-Empfehlungen zum Coronavirus für medizinisches Personal lockern, um einen Zusammenbruch der medizinischen Versorgung auszuschließen. Zudem sprach sich Drosten frühzeitig für eine generelle Absage von Spielen in der Fußball-Bundesliga und anderen Großereignissen aus.Der Virenforscher Alexander Kekulé von der Martin-Luther-Universität in Halle forderte mehrfach eine landesweite Einführung 14-tägiger Coronaferien in Deutschland für Schulen, Kitas und Großveranstaltungen, wie sie bereits in Italien und Japan verhängt wurden. Nur energische Maßnahmen, betonte er, könnten eine rasche Ausbreitung des Erregers verhindern.

n-tv


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