Euro NCAP plant Punktabzug für zu viel Touchscreen im Auto

  27 März 2024    Gelesen: 593
  Euro NCAP plant Punktabzug für zu viel Touchscreen im Auto

In den letzten Jahren kannten die Auto-Innenarchitekten nur einen Trend: bloß weg von der physischen Taste im Fahrzeug und hin zum Touchscreen. Wird sich das wieder ändern? Und was hat die mächtige Organisation Euro NCAP damit zu tun?

Wer nach längerer Zeit mal wieder einen Neuwagen in Empfang nimmt, kennt das Dilemma: Um auch nur eine einzige Kleinigkeit einzustellen (und sei es bloß die Helligkeit der Innenraumbeleuchtung), muss man tief in die Menüsteuerung abtauchen. Oder mal eben auf die Taste drücken, um die Sitzheizung zu aktivieren? Eine solche Taste gibt es häufig gar nicht mehr. Stattdessen muss man auf den unteren Rand des berührungsempfindlichen Displays langen. Oder so ähnlich.

Innenraum-Designer begründen diese Entwicklung oft mit ästhetischen Überlegungen. Eine Armaturenlandschaft ohne physische Tasten sieht einfach aufgeräumt und damit hübsch aus: Nirgends bleibt das Auge hängen. Aber die Ästhetik hat eben handfeste praktische Nachteile. Eine klassische Drucktaste lässt sich dagegen haptisch ausmachen. Um sie zu bedienen, muss der Blick nicht zwingend von der Straße abgewendet werden. Sie ist nämlich einfach zu erfühlen. Und jetzt kommt die Euro-NCAP-Organisation ins Spiel.

Die mächtige europäische Testgesellschaft nimmt sich sämtliche Neuwagen vor, bewertet diese nach verschiedenen Kriterien auf Sicherheit und vergibt entsprechend ihrer Ergebnisse Punkte, die wiederum zu maximal fünf Sternen führen können. Bekannt geworden ist die seit 1997 operierende Organisation durch ihre umfangreichen Crashtests. Mittlerweile vergibt sie auch Punkte für das Vorhandensein bestimmter Assistenzsysteme.

Euro NCAP will Beschaffenheit von Bedienelementen bewerten

Und jetzt zeichnet sich bereits der nächste Schritt ab. Der Direktor für strategische Entwicklung der Euro NCAP, Matthew Avery, hat bereits angekündigt, dass schon ab dem Jahr 2026 auch die Beschaffenheit von Bedienelementen mit in die Sicherheitsbewertung einfließen sollen. Das heißt aber nicht, dass Touchscreens aus modernen Autos komplett verschwinden werden.

Bisher geht es lediglich darum, dass nur bestimmte Funktionen wieder per traditioneller Drucktaste bedient werden sollen. Darunter beispielsweise Scheibenwischer, Spiegelverstellung oder die Warnblinkanlage. Und auch der klassische Blinkerhebel soll erhalten bleiben, wenn die volle Punktevergabe erfolgen soll. Für Hersteller wie Lucid oder Tesla würde das ein Umdenken erfordern. Allerdings ist fraglich, ob die Diskussion nicht wieder an der Realität vorbeigeht. Die Mehrheit der Fahrzeuge verfügt ohnehin über klassische Blinkerhebel. Auch erfolgt die Scheibenwischerbedienung meist traditionell - nämlich per Hebel an der Lenksäule. Das Problem liegt schließlich woanders: Moderne Autos verfügen über so komplexe Funktionalitäten, dass es schlicht gar nicht möglich ist, alles wieder per Drucktaste zu bedienen. So viel Armaturentafel gibt es überhaupt nicht.

Euro-NCAP-Bewertung ist nicht bindend

Allerdings: Euro-NCAP-Richtlinien sind keinesfalls bindend. Für die Autohersteller hat die Fünf-Sterne-Auszeichnung bloß eine Marketing-Funktion. Und ob die überhaupt zieht, sei dahingestellt.

Ohnehin bekommen die Autohersteller den Verdruss der Kunden immer wieder zu spüren und steuern um. Volkswagen ist ein gutes Beispiel dafür - der Konzern aus Wolfsburg ist im Begriff, seine berührungssensitiven Felder auf dem Lenkrad sukzessive auszumustern und gegen klassische Tasten zu ersetzen. Golf (das Facelift startet in Kürze), Passat und Tiguan bieten diese Knöpfchen bereits, die elektrisch angetriebenen ID-Modelle warten noch darauf. Ein anderer Ansatz ist, die Sprachassistenten so leistungsfähig zu machen, dass man mit ihnen quasi sämtliche Funktionen steuern kann. Und diese verstehen immer häufiger natürliche Sprache. In der Praxis gelingt das schon heute ganz gut.

Auch das Thema Assistenz (fließt ebenfalls in die NCAP-Bewertung ein) soll im Idealfall zur aktiven Sicherheit beitragen, was es unter dem Strich auch tut. Allerdings ist die Angelegenheit komplex. Der einfache Spurhalteassistent mit Vibrationsfunktion nervt beispielsweise viele Autofahrer. Denn es ist gängige Praxis vor allem auf größeren Straßen im ländlichen Raum, dass Linien immer wieder überfahren werden beispielsweise in zügig gefahrenen Kurven. Gleiches gilt auch in Baustellen. Und in solchen Situationen ist das vibrierende Lenkrad eher kontraproduktiv für die Sicherheit. Oftmals schaltet man diese ungewollte Funktion (die sich übrigens bei jedem Fahrzeugneustart wieder einschaltet) vor Antritt der Fahrt nicht aus, weil man es einfach vergessen hat.

Die Folge kann Fummelei im Menü während der Fahrt sein - von außen häufig schön zu sehen in Form von gefahrenen Schlangenlinien. Und der Spurhalteassistent kann bei neuen Modellen - übrigens der Forderung der Euro NCAP diametral entgegenstehend - bewusst nicht einfach per Shortcut (oder gar physischer Taste) ausgeschaltet werden. Aber hier hat die Europäische Union ihre Finger im Spiel. Vielleicht sollten sich die beiden Institutionen einmal zusammensetzen. Ob dabei etwas Gutes herauskommen würde, müsste man dann sehen. Skepsis ist zumindest angebracht.

Quelle: ntv.de


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