Suhlen im flachen Plattitüdenbassin

  09 Mai 2020    Gelesen: 263
  Suhlen im flachen Plattitüdenbassin

Das Streamingportal Joyn versucht sich an einem Datingformat: "M.O.M - Milf oder Missy" lässt zwei Männer aus Frauen verschiedenen Alters wählen – und versumpft in faden Klischees. 

Es fängt ja schon bei den Namen an. Wenn man Frauen nach ihrem Alter in jüngere "Missys" und ältere "Milfs" sortiert, in Fräuleinchens und bebumsungsfähige Mütter also (Milf ist die Abkürzung für "Mom I’d like to fuck") – warum unterscheidet man bei Männern dann nicht analog dazu zum Beispiel zwischen "Bubis" und "Opifanten"?

Aber nein, die beiden Männer, die im neuen Datingformat "M.O.M. – Milf oder Missy" aus 14 Frauen zwischen 24 und 46 Jahren auswählen dürfen, werden dezent und konnotationsfrei "Junior" (Marco, 28) und "Senior" (Felix, 57) genannt. Buh.

"M.O.M" ist der erste eigenproduzierte Realityformat-Versuch der ProSieben-Sat1-Streamingplattform Joyn. Abstrakt gesehen scheint es zunächst keine schlechte Idee, das Altersspektrum bei einer Kuppelsendung flexibler zu gestalten als üblich.

Leider zeigen aber schon die ersten Minuten der Auftaktfolge, bei der sich alle Beteiligten in einem schummrigen Hotelkeller kennenlernen, dass man sich lieber im flachen Plattitüdenbassin suhlt, als dem durchgenudelten Genre tatsächlich ein paar frische Nuancen zu verpassen.

Die eintreffenden "Missys", also die Kandidatinnen zwischen 24 und 28 Jahren, werden als "zauberhafte Engel, die zur Erde gleiten" beschrieben, die Begrüßungsansprachen von "Junior" und "Senior" knarzen sägemehltrocken und klingen blutleer aufgesagt.  

Sehr schnell nervt auch die künstliche, titelgebende Trennung in zwei rivalisierende Frauengruppen. Zumal die Unterscheidung ohnehin sinnlos ist: Manche Milfs sind im Wortsinn nämlich gar keine, weil sie eben keine "Moms" sind.

Nicht alle haben Kinder, verrät die off-Stimme irgendwann, "die restlichen Anforderungen an das Wort erfüllen sie aber perfekt". Von einem nicht weiter benannten Gremium attestierte Fickbarkeit wird hier also unverhohlen als Teilnahmekriterium bestimmt, sehr geschmackvoll und natürlich kaum misogyn.

Und auch die angebliche Leitfrage des Formats – "Welche Rolle spielt das Alter beim Verlieben?" – ist nur schlecht geheuchelt. In Wahrheit geht es hier augenscheinlich weniger darum, ob sich die Kandidatinnen für den jüngeren oder für den älteren Mann begeistern, sondern wie wichtig die Statusfrage bei der Partnerwahl ist.

Denn während Sporttherapeut und Personal Trainer Marco, der jüngere von den beiden, als eher überschaubar wohlhabend gezeichnet wird, wird Felix, der ältere, vor allem über seinen materiellen Erfolg als Architekt charakterisiert: Er ist ein Unternehmer, "der sich jeden Luxus leisten kann".Bei einem ersten Kurzdate lädt Felix zwei Frauen zur Weinverkostung und mansplaint ihnen mal eben fix einen 1500-Euro-Rotwein. "So stelle ich mir meinen Partner vor, der auch etwas zu bieten hat", kommentiert prompt eine der Frauen.

Die zweite Folge von "M.O.M." erzählt das unterschwellige Narrativ weiter, dass Frauen eben doch vor allem liebesflexible Golddigger sind, denen Raffpotenzial über Romantik geht: Dieselbe 28-jährige "Missy", die den 57-jährigen Felix gerade noch als nahezu methuasalemischen Halb-Hinfälligen kategorisierte und kategorisch als eventuellen Beziehungspartner ausschloss, findet ihn nach der Besichtigung seiner luxuriösen Wohnung plötzlich doch gar nicht mehr so übel.

Parallel durchsuchen die "Milfs" derweil Marcos weniger spektakuläres Heim. Nach ein paar durchwühlten Schubladen fühlt man sich nicht mehr in einem Dating-Format, sondern in einer klassischen Vorabend-Renovierungssendung, fast ist man enttäuscht, dass die "Milfs" nicht spontan noch eine Wand mit Schwämmchentechnik umgestalten.

Immerhin ergibt die Wohnungsbegehung einige tiefere Aufschlüsse über Marco: "Es ist schön, wenn jemand viele Familienfotos aufgehängt hat", sagt eine der Frauen und lehnt sich bei der Deutung dieses Umstands dann weit aus dem Fenster: "Das ist ein Zeichen, dass er sehr familiär ist."

Getoppt wird das nur noch von Marco selbst, der später erklärt, was ihn an der 46-jährigen Gabriela besonders fasziniert: "Mich reizt das Geheimnisvolle – sie ist Vegetarierin."

spiegel


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