Porsche 911 - Retro-Umbau von Kaege im Fahrbericht

  09 Juni 2024    Gelesen: 606
  Porsche 911 - Retro-Umbau von Kaege im Fahrbericht

Für die wahren Porsche-911-Fans bleibt der luftgekühlte Boxer weiterhin der Favorit. Wer ihn als Neuwagen erleben will, hat mehrere Optionen. Eine davon ist der Restomod-993 von Roger Kaege. ntv.de war mit dem Kaege Retro Classic unterwegs.

Der Porsche 911 ist ein Evergreen in der Top Five der deutschen Oldtimer-Zulassungen (H-Kennzeichen). Absolute Zahl gefällig? Mehr als 26.000 olle Elfer fuhren im Jahr 2023 auf hiesigen Straßen herum. Entsprechend riesig ist die Auswahl auf dem Markt.

Doch was, wenn einem die vorhandenen Exemplare irgendwie alle nicht gefallen. Da wären die überrestaurierten Stücke von den einschlägigen Spezialisten ohne Makel. Muss nicht sein. Die Blender für teures Geld mit lieblos übertünchten Schwellern? Nein danke. Und überhaupt - ein gutes Exemplar zu finden, das zu einem passt, ist ein langwieriges Unterfangen.

Was Singer kann, kann Kaege auch

Wie wäre es mit einem Ur-911, unter dessen Blech modernere Technik steckt? Und wenn man seinen Traum-Elfer einfach bauen lassen könnte nach eigenen Wünschen? Diese Idee hatte auch der Musiker Rob Dickinson und gründete ein Unternehmen, das sich genau darauf spezialisiert hat: alte Elfer modernisieren. Als Hommage an den bekannten Porsche-Entwickler Norbert Singer nannte er sein Unternehmen einfach Singer. Inzwischen produziert die US-amerikanische Firma jede Menge verrückte 911-Kreationen mit 964-Technologie unter dem Blech. Und vielen Fans ist die 2009 gegründete Schmiede ein Begriff.

Doch warum eigentlich in die Ferne schweifen? Karosseriebauer Roger Kaege hatte eine ähnliche Idee und macht die 911-Liebhaber inzwischen mindestens genauso glücklich wie die berühmte Singer-Truppe. Der Unternehmer aus dem nordpfälzischen Stetten braucht außerdem keine mentale Schützenhilfe aus Zuffenhausener Kreisen, sondern hat seine Firma einfach nach seinem Familiennamen benannt. Und sein standardisiertes Modellprogramm ist so simpel wie genial.

Technologischer Teufel steckt im Detail

Doch wenngleich das Rezept einfach klingt - der technologische Teufel steckt im Detail seiner Produkte. Als Basis dient der 993, das letzte Modell mit luftgekühltem Boxer. Heraus kommt am Ende ein optisches F-Modell. Doch so einfach ist es nicht. Die Außenhaut besteht jetzt teils aus Carbon, was eine Gewichtsersparnis von mehr als 150 Kilogramm zum originalen 993 bewirkt. Im Gegenzug spendiert das Team um Roger Kaege mehr Hubraum und Leistung.

Die Techniker zerlegen das 993-Herz in alle Einzelteile und bauen es komplett neu auf. Am Ende hat der mit neuen Kolben, Lagern und Pleuels aus dem Hause Mahle ausgestattete Boxer 3,8-Liter Hubraum und 300 PS (reicht für 275 km/h). Und selbstverständlich bekommt auch das Fahrwerk des "Classic" ein Update - mit Komponenten des Traditionsunternehmens KW Automotive. Die Fahrwerksabstimmung darf der Kunde übrigens im Individualisierungsprozess mitgestalten.

Probefahrt im Restomod-993

Um mir selbst ein Bild vom renovierten sowie modernisierten Kultklassiker zu machen, reise ich zu Dag von Garrel von Autodromo an den Nürburgring, der den Vertrieb vor allem für den amerikanischen Markt übernommen hat, aber auch potenzielle Kunden hierzulande berät. Der in leuchtend-blaugrüner Lackierung strahlende Vorführer steht zur ausgiebigen Probefahrt bereit.

Ich werfe mich in die braunen Recarosessel und mein Blick schweift in Richtung Instrumentarium. Der Tachostand lautet "2898" - eben ein gerade eingefahrener Vorführer. Also, los geht's. Das Kupplungspedal bietet einen Zacken weniger Widerstand, als ich erwartet hatte, und der erste Gang rastet sauber ein. Der optimierte Elfer rollt unauffällig los, ich lasse es ruhig angehen. Schließlich wollen 11,5 Liter Öl erst einmal angewärmt werden.

Nach ein paar Kilometern darf der etwas mehr als 1200 Kilogramm wiegende Hecktriebler ein bisschen zügiger über das kurvige Geläuf der Eifel wieseln. Aber bitte nicht übertreiben. Flink ist der charakteristisch sägende Sauger durchaus, aber keineswegs radikal bissig. Wem der Standardsprint (fünf Sekunden von 0 auf 100 km/h) zu lange dauert, darf sich noch über eine Überraschung freuen. Doch erst einmal genieße ich den Trip mit der Basis. Die fährt übrigens ziemlich verbindlich und fest, verkneift sich jegliche Art von Klappergeräuschen - wie ein Neuwagen eben.

Exot darf in gewöhnliche Porsche-Werkstatt

Noch ein paar Argumente für den Sportler aus der Pfalz? Kaeges Kreation ist mit Hydrostößeln ausgerüstet (serienmäßig beim 993), damit das Einstellen der Ventile entfällt. Und wenn der Boxer mal Hilfe vom Schrauber braucht? Dann empfiehlt sich der Besuch bei den Porschemechanikern, die den gerade unrund laufenden 3,8-Liter per OBD-Stecker einfach an das Diagnosegerät anschließen. Der Exot ist eben ein Porsche, der im Kern kaum verändert wurde."

Roger Kaege hat natürlich auch an die extrem leistungshungrige Klientel gedacht, belässt es nicht beim Classic mit Saugmotor. Für die eignet sich der Turbo, der optisch an den RSR aus den 70er-Jahren angelehnt ist. In diesem Fall wüten 510 PS an der Hinterachse. Hier dürfte der fahrerische Unterschied zum 993 dann schon drastischer ausfallen, schließlich verteilt die originale Turbo-Version ihr Moment an Vorder- und Hinterachse und ist damit relativ harmlos. Noch verrückter ist ein geplanter Turbo S mit mehr als 600 PS Leistung.

Ganz harmlos sind die Restomod-Elfer aus der beschaulichen Pfalz sowieso nicht - sie greifen an, vor allem das Konto. Mit 500.000 Euro muss man schon rechnen für ein simples Exemplar. Somit bleibt dieser Traum-Elfer für die allermeisten Menschen dann eben das, was er ist: ein schöner Traum.

Quelle: ntv.de, Von Patrick Broich


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